Liebe Freunde
Es ist gerade die Zeit, in der aufgeräumt wird mit Anschauungen, welche über Jahrtausende vom menschlichen Kollektiv als gegeben und normal verstanden wurden, und welche dennoch vom inneren Gewissen nie gänzlich bejaht werden konnten.
Die katholische Kirche merkt, dass sie aufgrund verfestiger Glaubenssätze schon bald einen historischen Fremdkörper in einer modernen Gesellschaft darstellt.
Sie ist bald nur noch ein historischer Kulturverein.
Wir erleben gerade Geschichte. Eine spirituelle Institution, die über 2000 Jahre lang für die meisten Europäer lebensprägend war, verschwindet gerade in das Museum der Historie, wo ja auch andere Götter wie Osiris und Jupiter ausgestellt sind und für die meisten Mitmenschen keinerlei innere Relevanz für das innere Leben mehr haben.
So schnell kann es gehen, dass eine spirituelle Gruppe den Anschluss an die Menschen verpasst. Verfestigte Vorstellungen, die Schleierwolken von übernommenen Überzeugungen, können die dringende Relevanz des inneren Weges verdunkeln.
Damit genau dies den Gaudiya Vaishnavas nicht auch widerfährt, dürfen auch wir uns immer wieder frei machen von Missverständnissen, die wir selber in uns und die Tradition, – vielleicht seit Jahrhunderten -, getragen hatten.
Der tiefe Ruf der Seele ist radikale Wahrheitssuche, die auch darin besteht, immer wieder Betrachtungsweisen des eigenen Weges neu zu verstehen und eingebürgerte Missdeutungen abzulösen.
In diesem Sinne ist diese Betrachtung zu den «regulierenden Prinzipien» zu verstehen, die einige Vaishnavas bei einer spirituellen Einweihung sogar als Gelübde abgelegt hatten.
Treue zur Seele zeigt sich als frischer Wind in bisher gewohnheitsmässigem Verstehen.
Im Versuch, dem Wahren zu dienen
Krishna chandra
Die vier regulierenden Prinzipien –
Grundgedanken zur Erziehung der Seele
Von Krishna chandra
INHALT:
-Einleitung
-4 Prinzipien
-fragwürdige negative Lehrmethodik
-Heilige Einladungen
-Positive Umformulierung
-Tendenz zur Heuchelei
End-Gedanke
Einleitung
Wir werden mit einem inneren Drang und Bedürfnis geboren, nach unserem wahren Selbst zu suchen – ob uns das bewusst ist oder nicht.
In uns ist eine Rastlosigkeit, die uns dazu drängt, das Risiko auf uns zu nehmen, wirklich aufzubrechen und von den Verheissungen der bequemen Oberfläche nicht mehr bestimmt zu werden.
In jedem Wesen drin gibt es diese Lücke, die genau Gottes Grösse hat und darauf wartet, von Ihm ausgefüllt zu werden. Radha-Krishna selber pflanzen diese Unzufriedenheit in uns ein, welche dann nur durch die göttliche Liebe zu Ihnen gestillt werden kann.
Der aufbrechende Mensch darf den Versuch unternehmen, den Geist nicht mehr mit betäubenden Gewohnheiten, Ablenkungsmanövern oder gedankenlosen Zerstreuungen zu füllen.
Diese Grundtragik zeigt sich tatsächlich viel öfter in Form von lauer Oberflächlichkeit und Zerstreuung (ontologische Orientierungslosigkeit), welche die heissen Sünden darstellen, als in moralischen Übertretungen. Das bedeutet, die Seele ist sich nicht gewahr, wohin ihre tiefe Liebessehnsucht gerichtet werden darf. Die Verstreuung der Liebessehnsucht in die unendlichen Übungsobjekte der Zeitweiligkeit wird die Seele jedoch zutiefst leer und ungenährt bleiben lassen.
Das griechische Wort für „Sünde“ ist „hamartia“. Es meint „am Ziel vorbeileben“, das heisst, wenn man sich selbst (atma jnan) und seine Lebensbestimmung (radha-krishna-prema) verfehlt.
Schuld ist, wenn ich Gott nicht gebe, was Ihm eigentlich zustehen würde –meine Aufmerksamkeit.
Schuld ist auch, wenn ich mir selbst nicht gebe, was mir zustehen würde – die Freiheit des inneren Weges.
Jeder Mensch lebt ein Versteckspiel mit dem eigenen Selbst. Da jede Identifikationsrolle ausserhalb der Seele nicht einen wesentlichen inhärenten Wert hat, bleibt man immer im Zustand von Mangel.
«Herr, ich bin nicht würdig, dass du einkehrst unter meinem Dach.»
Inwieweit habe ich zugelassen, dass das Denken der Unwürdigkeit in mein geistiges System eingespeist wurde?
Die Würde des Menschen ist unantastbar – heisst es sogar im Grundgesetz (Art. 7 der Bundesverfassung). Bei Radha-Govinda vermag man sie ja nie verlieren.
Wir haben daran gearbeitet, uns unwürdig zu fühlen. Die Folge sind Ängste und Schuld.
Eigentlich wäre es sehr einfach, sich dem innersten Zustand der Würde wieder zuzuwenden, anstatt ihn anzugreifen und zu unterwandern.
Würde ist der natürliche Zustand der Seele. Ein Wert, den man sich nie zu erschaffen braucht. (Bhagavad Gita 15.7)
Prinzipiell geht der gesamte spirituelle Weg darum, nach dem eigentlichen Objekt der Liebe Ausschau zu halten. Verfügbarkeit für Radha-Govinda. Das ist der innere Weg (von innen ausgehend).
Doch auch der Weg, durch bestimmte Verhaltensformen und Regulierungen innere Stimmungen zu erwecken, hat einen Wert und wurde auch von den Heiligen offengelegt. Die gesamte Hatha-Yoga-Tradition geht ja davon aus, durch eingenomme körperliche Stellungen (asana) eine Haltung in uns zu stärken oder überhaupt erst hervorzurufen.
Dieser zweite Ansatz wird manchmal mit dem Begriff «vaidhi bhakti» umschrieben, wo der Antrieb zum Aufbruch der Seele eben noch nicht von innen herausströmt, sondern von aussen erst einmal in Bahnen gebracht wird (Sasenaiva sastrasya – Bhakti Rasamrta Sindhu 1.2.6).
Im ersten Canto des Bhagavatam findet sich die Beschreibung, Kali, die Verkörperung des dunklen Zeitalters, von Maharaj Pariksit gestoppt wurde, als dieser dem Stier der Religion die Beine abzutrennen versuchte.
Pariksit verwies diese Dunkel-Gestalt dann des Landes und gewährte ihm als Wirkungsbereiche Orte, an denen dem Glückspiel, dem Tiere-Töten, der Berauschung und unzulässiger Sexualität nachgegangen wird. (1.17.38)
Aus dieser Beschreibung heraus ergibt sich in einigen Institutionen der Bhakti-Bewegung eine fundamentale Verhaltens-Maxime, welche die «vier regulierenden Prinzipien» genannt wird. Die Idee dahinter ist also, sich von den Beheimatungen von Kali (der Personifizierung des dunklen Zeitalters) fern zu halten.
Interessanterweise erwähnt Pariksit dann noch einen fünften Wirkungsbereich, in dem Kali genauso wie in den zuvor erwähnten Orten, Residenz findet: nämlich Gold (1.17.39 a). Das entspricht dem Geld in unserer Zeit.
Der Logik des vorangegangenen Verses folgend, aus dem die vier regulierenden Prinzipien abgeleitet werden, müsste man mit ebensolcher Vehemenz auch jegliches Geld ablehnen, da Geld Kali beherbergt und aus der Anwesenheit von Geld Falschheit (Betrug), Verrücktheit, Begierde und Neid (Feindschaft) geboren werden. (1.17.39 b).
Doch religiöse Institutionen haben sich da immer schon auf einen Kompromiss geeinigt, dass Geld doch auch im Sinne Gottes einsetzbar wäre.
In diesem Artikel versuche ich aufzuzeigen, dass diese ersten vier «verbotenen Handlungen» in ihrer Essenz ebenso im heiligen Dienst eingesetzt werden können und letztlich auf Mentalitäten des inneren Weges hinweisen. Somit haben diese wie Geld ebenfalls ihre Einsatzberechtigung auf dem inneren Weg. Sie müssen genauso wie Geld also nicht verbannt werden, sondern dürfen nur frei von eigener Verblendung durch tieferes transformiertes Verständnis im Dienste Gottes eingesetzt werden.
«Vier Prinzipien»
In der Vaishnava Gemeinschaft, die Srila Prabhupada gegründet hatte, werden von jedem Nachfolger vier regulierende Prinzipien gefordert. Diese stehen praktisch auf jeder Website dieser Bewegung und werden unzählige Male in den Büchern erwähnt. Bei jeder Einweihung in den Heiligen Namen müssen diese vier regulierenden Prinzipien sogar vor dem Guru, vor Radha-Krishna und vor der Gemeinde der versammelten Bhaktas als Eid abgelegt werden.
«Man wird nicht als echter Student in dieser Bewegung angenommen, solange man nicht verspricht, den vier regulierenden Prinzipien zu folgen: kein Töten von Tieren, keine Berauschung, keine unzulässige Sexualität und kein Glücksspiel.»
(Kommentar von Srila Prabhupada zu 4.26.5, siehe auch Kommentare zu 7.13.8 und 10.2.31 etc.)
Manchmal legt Srila Prabhupada diese «vier Prinzipien» sogar in Verse hinein, in denen sie gar nicht erwähnt werden und mit denen explizit etwas ganz Anderes gemeint ist (z. B. Caitanya Caritamrita 2.8.67). Dies zeigt einfach auf, wie sehr diesen regulierenden Prinzipien eine Wucht verliehen wird.
Dass solche Schwüre bei einer spirituellen Einweihung gesprochen werden müssen, ist nicht unproblematisch. In der Bibel heisst es, man dürfe nicht schwören (Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht! „Matthäus 5.35). Denn dieses Eid-Schwören ist eine feinstoffliche Verknotung und Bindung, die das grundlegende Prinzip der freiwilligen Entscheidung (siehe Bhagavad Gita 18.63) untergraben. Ritualschwüre und institutionell geforderte Verpflichtungen führen in eine Fremdbestimmung hinein, die sogar über mehrere Leben hinweg wirken kann.
Interessant auch, dass “schwören” und “fluchen” in Englisch, Französisch oder Spanisch das exakt gleiche Wort ist.
Diese Form der Einweihung mit Schwüren ist sonst bei keiner anderen Radha-Krishna-Bhakti-Richtung zu finden.
Solche von aussen festgelegten Handlungs-Vorgaben werden letztlich in eine Oberflächlichkeit führen, da man glaubt, durch die Befolgung solch äusserlicher Anweisungen würde man die Stimmung, auf welche moralische Regelwerke immer bloss verweisen, bereits leben und integriert haben.
Schwört man nun das Prinzip, „kein Fleisch zu essen“ oder „keine Drogen zu nehmen“, so ist dies eine feinstoffliche Verkettung mit diesem Thema und hilft der Seele nicht nur nicht weiter, sondern verstrickt sie in exakt diese Gewohnheiten hinein. Wenn man aufgefordert wird, nicht an einen Apfel zu denken, wird das Bewusstsein ja gerade mit diesem Inhalt gefüllt.
Es ist eine Anfänger-Erkenntnis, dass negativ formulierte Gelübde («keine Drogen» etc.) einen auf der feinstofflichen Ebene exakt an diese Dinge binden. Ich habe in vielen Jahren unzählige Menschen auf dem Bhakti-Weg begleitet und dieses Phänomen oft beobachtet. Spirituell Suchende, die anfänglich nicht einmal eine Affinität zu solchen Gewohnheiten hatten, erhielten nach dem Einweihungs-Schwur plötzlich einen feinstofflichen Zug zu genau diesen Aktivitäten hin.
Es scheint in der vedischen Tradition manchmal ein Grundansatz zu sein, Dinge von der negativen Seite aus zu betrachten.
(siehe: https://govindaradhe.jimdo.com/praxis/die-zehn-vergehen/ – Da habe ich die zehn Vergehen gegen die Heiligen Namen umgedeutet in Hinweise zu Fundamental-Haltungen auf dem inneren Weg.)
Diese Umdeutung von verneinenden Ratschlägen in positive Einladungen, ist die Aufgabe einer jeden Seele des inneren Weges.
Schon in den 70er Jahren des vorletzten Jahrhunderts schrieb Bhaktivinod Thakur einen Artikel mit dem Titel «Matsarya», wo er positive Umformulierungen von negativ formulierten Anweisungen selber gemacht hat. (Siehe: «Gaudiya Patrika», 5. Jahr, 5 Ausgabe, CC-BY-Sa «Rays of the Harmonist” Nr. 22, 2010).
Fragwürdige negative Lehrmethodik
Lebenslanger Kampf mit Bedürftigkeit ist eigentlich ein Kampf gegen das Menschsein.
Bedürftigkeit abzulehnen oder zu bekämpfen bedeutet, Menschsein nicht wirklich akzeptiert zu haben.
Ein Mensch auf Erden, der sein eigenes Menschsein noch nicht zutiefst angenommen hat, ist konstant im Zustand der Aufreibung und der Erschrockenheit.
Es gibt auch Menschen, die sogar einen spirituellen Weg wählen und begehen, weil sie sich erhoffen, Distanz von diesem Dilemma der Bedürftigkeit zu erhalten.
Die Akzeptanz des Bedürfens, des wahrhaft menschlichen Zustandes, ist ein erster Schritt der heiligen Kapitulation. (Es ist Teil von Saranagati – goptitve varana).
So viele leben an diesem Nadelöhr vorbei: Der Punkt, wo die Akzeptanz des menschlichen Zustandes vollständig und bedingungslos ist.
Ohne diese gibt es keine weitere Entwicklung über das Mensch-Sein hinaus.
Spirituelle Wege sind nie eine Flucht vor dem Mensch-Sein. Es ist eine Dimension, die darüber hinaus reicht. Doch dazu bedarf es der gänzlichen Versöhnung mit dem Hier-Sein. Transzendieren kann man erst das, was man zu 100% angenommen hat.
Scheitern ist nur die Rückkehr auf den Boden, auf dem ich eigentlich stehe.
Was bedroht uns am menschlichen Zustand so sehr, dass wir viel Lebenskraft investieren, diesen unter Kontrolle bringen zu wollen?
Innere Nacktheit fühlt sich erst einmal an wie der Tod. Heilige Gnade aber fällt erst in dieses Nacktsein hinein.
Der eigentliche Hinderungsgrund im inneren Leben ist nie, dass wir einen Fehler gemacht haben. Es ist doch kreatürlich, dass wir dies tun.
“Krishna betrachtet alle Fehler, die ein Lebewesen Ihm gegenüber begeht genauso wie liebevolle Eltern, welche dem Kind einen Fehler nicht nachtragen, sondern ihm immer nur helfend zur Seite stehen möchten.
Wenn der Säugling Kot und Urin auf die Mutter lässt, empfindet sie dies nicht als Vergehen. (Krishna spricht:) «Ich betrachte mich als so glücklich, mit meinen Geweihten zu sein, dass ich auch ihre Fehler und Unvollkommenheit nie in Betracht ziehe” (Caitanya Caritamrita 3.4.184 ff)
Die Tragik besteht darin, dass wir an den uns vorgehaltenen Fehlern verzweifeln und stark an innerer Kraft verlieren, um die Einladung des Weges wirklich annehmen zu können. Die Fehlhaltungen (aparadhas) weisen uns doch immer nur auf eine positive Mentalität hin, die wir jetzt schon leben dürften.
Das grösste aller Aparadhas (Fehl-Haltungen) ist, Angst zu haben.
„Wenn man die Atmosphäre von Angst verbreitet, wird das zu einem Hindernis (aparadha) auf dem Weg der Verehrung.“ (Caitanya Caritamrita 1.17.95)
Das bedeutet, wir sind eingeladen in die spirituelle Welt, welche die eigentliche Atmosphäre der Angstlosigkeit ist (vai-kuntha).
Diese Atmosphäre der Angstlosigkeit ist die Grundlage der freudvollen Gotteszuwendung.
Brahma betet im Bhagavatam zu Krishna: «Eine Mutter betrachtet das Zappeln und das Treten ihres Kindes niemals als eine Beleidigung oder als eine Kränkung. Sie hat nie Missfallen daran.
Du bist wie die Geburtsstätte von allem im Universum…. so bin auch ich aus dir geboren. Das bedeutet, dass du meine Mutter für mich bist. Du wirst also auch all meine Fehlerhaftigkeit liebevoll überblicken.» (Bhagavatam 10.14.12)
In der Gita (9.17) spricht Krishna, wie er selber der Vater, die Mutter, der Urahn und die Grundlage von allem im Universum ist.
Es verändert alles in unserem Bewusstsein, wenn man sich erst einmal umhüllt von dieser Liebe erfährt.
Srila Prabhupada zitiert sehr oft den bekannten arcye-vishnau-sila-dhir-Vers aus dem Padma Purana (z. B Bhagavatam 4.21.12).
Dort heisst es, wer den Deity als aus materiellen Elementen bestehend betrachtet, den Guru als gewöhnliche Person, den Vaishnava einer Kaste oder gesellschaftlichen Position zugehörig oder das Caranamrita als gewöhnliches Wasser versteht, ein Bewohner der dunkelsten Sphäre sei
Anstatt den transzendenten Aspekt von diesen spirituellen Toren zu umschreiben, erschreckt dieser Ansatz der «via negativa» den Sadhaka einfach mit einer weltlichen Drohung.
Damit diese Einschüchterung, welche das freudvolle Begehen des inneren Weges verunmöglicht, den Menschen nicht mehr umrahmt, ist es wesentlich, auch diese «regulierenden Prinzipien» umzuformulieren.
Jeder Sadhaka rechnet mit der Möglichkeit, dass jederzeit intensive Gemütslagen aus dem gewaltig riesigen Reservoir des Citta (Unterbewusstsein) auftauchen und aufbrechen könnten.
Doch unabhängig davon, was für eine Vereinnahmungskraft diese Gefühle haben mögen, hat die ewige Seele immer auch eine Freiheit, wie man mit diesen umgehen möchte. In den Emotionen steckt eine Kraft (Emotion stammt von «movere», bewegen). Es gibt spirituelle Ansätze, die sich einfach von Emotionen abschneiden und sich dadurch von dieser essentiellen Kraftquelle abtrennen.
Diese emotionalen Kräfte und gefühsbetonten Gedankengebäude («logismoi») können nie niedergerungen oder ausgerottet werden. Das ist der Crux im Monismus und im shunyavada, in spirituellen Ansätzen, welche proklamieren, dass es im letztendlichen Zustand der Seele nach der Befreiung der Wandelwelt keine Wünsche, Emotionen und Gefühle mehr gäbe.
All diese Antriebe dürfen auf die belebende Kraft für den Innenweg zurückgeführt werden,
welche auch den Antrieben immer immanent innewohnt.
Der innere Weg wird nicht nur deshalb „Entdeckungsweg“ genannt, weil er auf der Gottsuche und der Suche Gottes nach uns, gründet, sondern auch, weil zu Beginn der Übende den Urgrund dessen aufspüren darf, wohin einen die Emotionen verweisen möchten.
Im Märchen der «drei Sprachen» wird dies illustriert. Es erzählt von einem jungen Mann, der die Sprache der Hunde gelernt hat. Als er in einem Turm übernachten muss, in dem aggressive Hunde hausen, die ihn mit lautem Bellen empfangen, spricht er freundlich mit ihnen in ihrer Sprache. Und sie verraten ihm, dass sie nur deshalb so wild bellen, weil sie einen Schatz hüten. Sie zeigen ihm den Schatz und helfen ihm, ihn auszugraben.
Dort, wo gefühlsbetonte Antriebe (Emotionen) bellen, wo sie uns am stärksten beherrschen wollen, dort liegt auch ein Schatz. Man darf nur lernen, «ihre Sprache» zu verstehen und uns mit ihnen zu unterhalten. Dann leisten sie einen wichtigen Beitrag zu unserer Selbstwerdung, der Rückkehr zu den eigentlichen Impulsen der Seele – prema-vega (dem heiligen Drank der göttlichen Liebe).
Der Ansatz, äussere Verhaltensformen zu leben ohne die Wucht der Freude, des heiligen emotionalen Antriebs, führt in einen Kampf mit der Welt. Jede Anspannung treibt einen an die Oberfläche und irgendwann auch in Verbissenheit.
Es gibt drei Stufen zunehmender Rigidität:
Verholzung, Verknöcherung und Versteinerung.
Ohne die direkte Berührung mit der Lebendigkeit der reinen Bhakti, tendiert man zwanghaft zu Rigidität und nennt es Stetigkeit.
Aber eigentlich ist es ein Zustand von verbissenem Festhalten an einem inneren Weg, bei dem die Flexibilität und die konstante Anpassung längst abhanden gekommen sind. Das wäre nicht mehr die Lebendigkeit des Weges, sondern ein langsames «Vor-sich-hin-sterben».
Es ist das Innenleben eines alten Baumes, dem der Lebenssaft und die Feuchtigkeit ausgegangen ist.
Der Heimweg besteht nicht im Abschneiden emotionaler Antriebe, sondern in ihrer Integration.
Heilige Einladungen
Religiöse Konventionen berühren noch nicht annähernd den Kern der heiligen Sehnsucht. Gerade in unserer Zeit, wo die Alternativ-Angebote zur Gottessuche gewaltige Ausmasse angenommen haben, vermögen religiöse Formen den Menschen oft nicht mehr anzusprechen.
Aus der Ungesichertheit des Daseins erwächst die infantile Sehnsucht, Aufgehobenheit zu finden, indem man religiöse Gebote, an welche noch Verheissungen geknüpft sind, ins Leben integriert und diese dann auch mit Vehemenz verteidigt. Doch wird der introspektive Mensch schnell bemerken, dass darin keinerlei Transformation innewohnt.
Nie kann man eine innere heilige Erfahrung mit religiöser Form kompensieren. Die Bhagavad Gita und auch das Bhagavatam selber üben ja des Öfteren selber Religionskritik, damit man sich nicht im Wald von äusseren Vorgaben verirrt und diese dann sogar noch für wesentlich hält. (z.B: Gita 2.52, 2.42-43, 2.46…. und Bhagavatam 6.16.41-42).
Aber wenn man an einer Form kleben bleibt ohne die Erfahrung in uns wach zu rufen, worauf die Formen ja nur verweisen, dringt man nicht zur religiösen Grundthematik vor – nämlich zur Entdeckung des verborgenen Mysteriums – sondern verklebt sich mit äusseren Vorgaben. In den Upanishaden wird das als «chandra-shakha-nyaya» bezeichnet: Dass man auf den Ast schaut, anstatt ihn als Hinweis auf den Mond dahinter zu erkennen. Das gesamte 10. Kapitel der Bhagavad Gita heisst ja «vibhuti-yoga», also das Yoga des Verweisen-Lassens von Dingen in dieser Welt auf den transzendenten Gott. Dadurch verfolgt man die «vestigia dei», die Spur Gottes inmitten dieser Welt, die Er in Seine Schöpfung hineingelegt hat und die auf Ihn verweist.
«Anartha-nivritti» (der Klärungsprozess von falschen Antrieben) besteht somit darin, in allem das Eigentliche und Wertvolle zu sehen. Nebenbei erübrigen sich auch falsche Werte («an-artha») und dürfen abfallen.
Im ersten Canto des Bhagavatam (1.17.24) wird tatsächlich davon gesprochen, dass man die vier Grundprinzipien leben solle… Aber hier wird von positiven ethischen Grundhaltungen von Dharma, der ewigen Ordnung, gesprochen:
Mitgefühl – (das wurde dann als das negative Verbot, kein Fleisch zu essen, ausgelegt)
Sauberkeit – (das wurde dann als das negative Verbot, keine Drogen zu nehmen, ausgelegt)
Wahrhaftigkeit– (das wurde dann als das negative Verbot, kein Glücksspiel zu betreiben, ausgelegt)
Entsagung (innere Losgelöstheit)– (das wurde dann als das negative Verbot, der Sexualität mit Ausnahme der Zeugung von Kindern, ausgelegt)
Wenn man diese Grundprinzipien auf solche Weise positiv umformuliert versteht, würde man nicht mehr von den vier Gelübden, Regeln oder Schwüren sprechen, sondern von den „agreements“, den Einwilligungen, (Übereinkünften / Einverständnissen ) oder von Einladungen. Dabei ist es auch nicht tragisch und verursacht nicht das Hindernis eines schlechten Gewissens, wenn man die Einladungen gerade nicht immer perfekt zu leben vermag, aber man darf darauf hinzugehen.
Es sind dann Vereinbarungen mit dem eigenen Selbst, mit der innersten Würde, die einen tatsächlich in die Tiefe zu führen vermögen. Doch darf man solche Vereinbarungen niemals vor Anderen, vor einer Gemeinschaft oder einer Institution ablegen. Denn dann würden Erwartungen von Anderen, also feinstoffliche Bindungen, verursachen. Da man nun in einem Verbund von Menschen lebt, vor denen man dies versprochen hatte, und die das von einem ja erwarten, fördern solche Gelübde auch die Haltung der Heuchelei. Man gibt vor, kongruent mit den Versprechen zu sein, obwohl man innerlich eigentlich längst bemerkt hatte, dass es einem gar nicht mehr gut tut, so zu leben.
Der Verlust der Aufrichtigkeit ist eigentlich bereits eine Abkehr vom inneren Weg und als Grundhaltung weit tragischer als momentanes moralisches Fehlverhalten.
Ein erstes Mal bin ich vor vielen Jahren bei dem Gründer des Zen-Peacemaker Ordens, Bernard Glassman, auf solche positiven Umformulierungen gestossen.
Er gab den buddhistischen Gelöbnissen eine bejahende Implikation. Ich möchte sie hier als Beispiel anfügen:
-Ich erkenne, dass ich nicht getrennt bin von allem, was ist. Dies ist das Gelübde des Nicht-Tötens.
-Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Dies ist das Gelübde des Nicht-Stehlens.
-Ich begegne allen Wesen mit Respekt und Würde. Dies ist das Gelübde des sittlichen Verhaltens.
-Ich höre zu und spreche aus meinem Herzen. Dies ist das Gelübde des Nicht-Lügens.
-Ich entwickle einen klaren Geist. Dies ist das Gelübde des Sich-keinen-Täuschungen-Hingebens.
-Ich spreche frei von Furcht und Schuldzuweisungen aus, was ich für die Wahrheit halte. Dies ist das Gelübde des Sich-nicht-selbst-Erhöhens-und-andere-nicht-Herabsetzens.
-Ich setze alle Aspekte meines Lebens nützlich ein. Dies ist das Gelübde des Nicht-Geizigseins.»
Einer meiner ersten spirituellen Lehrer in diesem Leben ist Frère Roger, der Gründer der Taize-Gemeinschaft. Er wies mich an, den Weg der Bhagavad Gita zu gehen.
Ein schönes Beispiel sind seine positiven Umformulierungen der heiligen Räte.
Wenn er einen jungen Mönch in die Gemeinschaft aufnahm, nahm er ihm nicht einfach nur die drei Gelübde (Armut, Gehorsam und Keuschheit) ab, sondern offerierte Angebote, die mit einer persönlichen Willenskraft bejaht werden dürfen und damit erst Kraft erhalten.
«Willst du aus Liebe zu Gott dich hingeben mit allem, was du bist?» – «ja, das möchte ich wirklich.»
«Willst du in Einfachheit in einer Gütergemeinschaft mit deinen Brüdern zusammenleben, indem du dich um eine Offenheit des Herzens bemühst?
(das ist der Verzicht auf Eigentum, der evangelische Rat der Armut)
– «ja, das möchte ich wirklich.»
«Willst du, um im Dienst zu Gott besser verfügbar zu sein, dich ungeteilt der Liebe Gottes schenken? (Das ist das Gebot des Zölibats)
– «ja, das möchte ich wirklich.»
-«Willst du, damit wir als Geschwister ein Herz und eine Seele seien, und damit sich unsere Einheit im Dienst zu Gott sich verwirkliche, die Entscheidungen der Gemeinschaft annehmen, die durch die Diener der Gemeinschaft zum Ausdruck gebracht werden?
(das ist das Gebot des Gehorsams)
– «ja, das möchte ich wirklich.»
Von meinem alten Weggefährten Bruder Benno, einem ehemaligen Franziskaner Mönch, habe ich die positive Umformulierung der Räte im Geiste des Franziskus gelernt:
-Armut – Von nichts und niemandem Besitz ergreifen, da alles Gott gehört. Es ist die Freiheit für die grosse Liebe.
-Gehorsam – ich möchte ein Leben führen, welches mich wirklich durchlässig macht für die heilige Führung Gottes. Das bedeutet erst einmal, wirklich aufmerksam zu sein. Zuzuhören.
Auch sich selbst. So erkannte Franziskus, dass er nicht dieselbe Berufung hatte wie sein Vater, nämlich ein reicher Kaufmann zu werden. Der Bruch mit seinem Vater war eigentlich seine erste Tat des Gehorsams! Nackt stand er in Assisi vor der versammelten Menge. Er hatte seinem Vater alles zurückgegeben: sein Geld und sogar die Kleider, die er trug. Seitdem gehorcht er nur noch einem Vater, nämlich dem im Himmel. Es bedeutet, der Ur-Berufung zu folgen, unabhängig davon, was andere dazu denken.
-Keuschheit – Das ist die Entscheidung für die selbstlose Liebe. Weder von Gott noch von irgendeinem Wesen Besitz zu ergreifen (um eigene Vorstellungen erfüllt haben zu wollen) und sie uns auch nicht dienstbar zu machen.
In diesem Geist habe ich schon in den Neunziger Jahren versucht, diese «vier regulierenden Prinzipien» bejahend auszudrücken. Ganz tief glaube ich, wenn man diese «vier Prinzipien» als Einladungen und positive Ausrichtungen auch säkular ausgerichteten Menschen auf der Strasse anbieten würde, wären sie davon berührt und enthusiastisch, sich auf einen solchen Integrierungs-Pfad zu begeben.
Solche Gelöbnisse legt man dann auch nicht einfach nur einmal bei einer Einweihung ab und empfindet ein schlechtes Gewissen, wenn man ihnen nicht entsprechen kann, sondern lässt sich täglich davon anrühren und zum Weiterwachsen inspirieren. Beim Aufstehen am Morgen darf man sich selber so einladen lassen und solche Empfängnis-Angebote dürfen den Tag bereichern. Immer wieder neu darf ich in diese Grundhaltungen hineinwachsen.
Die lähmenden Forderungen, die auch in religiösen Kontexten so verbreitet sind, zielen auf Veränderung. Doch das Verändern bedeutet, mit dem bisherigen in einen Krieg zu treten. Es ist eine Aggression gegen das, was nun mal ist.
Im Bhakti-yoga geht es aber immer um Verwandlung. Das heisst, das, was ist, ist zwar gut in seinem So-Sein, aber noch zielgehemmt. Das heisst, das darin gebundene Potenzial ist noch nicht befreit. Alles darf so sein, wie es gerade ist in meinem Leben, aber ich bin noch nicht, was ich eigentlich sein könnte. Ich entspreche noch nicht dem Bild, das sich Gott von mir persönlich gemacht hatte. Aus der Würdigung («ich würdige mich so, wie ich geworden bin») der Beschränktheit darf das Umfassendere heraus-spriessen.
Die Ausgangslage von Verwandlung ist die gegebene Wirklichkeit, mit der man nicht in einen Widerstreit treten möchte. Gerade die vielen Vorgaben, Normen oder religiösen Erwartungen haben eine Tendenz, die Schwäche einfach zu übergehen und zu unterdrücken. Aber dass darin noch ein grösseres und vollständigeres Potenzial schlummert, das man noch nicht berührt hatte, wird erst mit der Verwandlung angegangen. .
Alles darf Gott hingehalten und angeboten werden und erscheint so in einem ganz anderen Licht.
Das Ziel der Veränderung ist ein anderer zu werden und die Intention der Verwandlung ist es, immer mehr seine Ureigentlichkeit zu entdecken.
In jedem Mantra feiert man seine eigene Verwandlung.
Alles, was Gott hingehalten wird, geht in Verwandlung (Stein der Weisen – nama cintamanih krishnas)… auch mit all meiner Brüchigkeit, Verletzheit, Gescheitertheit…
Deshalb möchten wir diese Einladungen nicht als Veränderung verstehen («du sollst»), sondern als Hinweis zur Verwandlung. Zur Neuwerdung.
„Heilt nicht eine Sache, als Medizin angewandt, ein Leiden, das aus dieser gleichen Sache entstand? (Bhagavatam 1.5.33)
Das Problem der Verstrickung durch Handlungen kann nicht einfach durch das Einstellen aller Tätigkeit gelöst werden, sondern durch Tätigsein ohne die Intention einer persönlichen Bereicherung oder Lochfüllung.
Dieser Vers beschreibt in seiner Essenz, dass jede Tendenz, die uns an die äussere Welt bindet, umgewandelt werden kann in ein Heilmittel. Die Materie an sich braucht also nicht zurückgewiesen zu werden, sondern darf auf eine neue Art und Weise – nämlich in der inhärenten Verbindung zu Krishna – , verstanden werden und wird mi Ihm sogar zur Entstrickungs-Ursache.
In jeder Leidverursachung steckt also eine Heilungsmöglichkeit. Deshalb ist Yoga nie ein Zurückweisen von Dingen, sondern immer ein Zu-Ende-Denken eines jeden Impulses.
„O RadheSyam, ich bin mir gewiss, dass Ihr genau wisst, dass ich eigentlich nur Euch liebe, obwohl ich vorgebe, andere Menschen und Dinge zu lieben. Ihr kennt mich und wisst, dass wenn ich traurig bin, ich eigentlich nur Euch vermisse, obwohl ich andere Gründe nennen würde, wenn man mich danach fragen würde.
Wenn ich weine, dann ist das, weil ich Euch vermisse, obwohl meine Tränen andere Namen tragen. Ihr kennt mich und wisst, dass ich nur nach Euch suche, obwohl es so scheint, als würde ich nach unzähligen Menschen und Dingen suchen.“
Wenn die Seele zu erahnen beginnt, dass jeder Wunsch und jede Tendenz in unserer Psyche in ihrem Urgrund eigentlich nur Radha-Krishna suchen, dann wird eine grosse Intensität auf unserer Heimreise entfacht.
Letztlich führt der Weg der Zurücknehmung nicht in die Freiheit. Wir sind auf dem Weg der Faszination (raga-bhakti)
Durch die Faszination entsteht ein natürliches Verhalten. Vrindavan kann nie erlangt werden durch den Weg der Regulation, sondern nur durch Faszination (Caitanya Caritamrta 1.3.15)
Positive Umformulierung
-Das Prinzip «kein Fleisch zu essen»
Dabei geht es um den Fakt, nicht einen sinnlosen Mord wegen einer Geschmacksvorliebe ausführen zu lassen. Es ist ganz klar, dass wir nicht ein Recht haben, das Leben eines Mitgeschöpfes auszulöschen, welches genauso leben wollte wie wir und auch zu Schmerzen und Gefühlen fähig war. Sobald ich irgendeinem Wesen ein wenig Pein oder Beschwernis zufüge, dann ist dies ein Gewalt-Akt, also «Fleischessen.»
Die positive Formulierung von «Kein Fleisch essen»:
«Ich gelobe und werde mich auch dafür einsetzen, dass jedes Lebewesen, welches mir heute begegnet, durch diese Berührung mit mir ein wenig beglückter und bereicherter wieder weiterziehen möge.»
Ein solches Gelöbnis wird eine unglaublich kraftvolle Auswirkung auf uns haben. Man wird dann bemerken, dass ein Tier, das man da gerade verspeist, nicht glücklicher, sondern getötet wurde wegen mir. Durch erweitertes Erkennen wird solch unnötige Gewalttätigkeit aus dem eigenen Leben scheiden und natürliches Mitgefühl, eine Verbundenheit mit allen Geschöpfen, im Herzen verankert.
Es handelt sich also um die Grundhaltung von allumfassendem Mitgefühl. «Daya» (Bhagavatam 1.17.24)
Man darf hineinwachsen in eine universelle Geschwisterlichkeit mit allen Wesen. Die Bhagavad Gita (5.18) nennt diese Sichtweise den Anbeginn des Erkenntnisweges.
Das Bhagavatam lässt diese Einsicht in eine grössere Konsequenz ausdehnen:
«Weil es dem Menschen nicht gelingt, diesen unbändigen Verstand (das Schaltzentrum, wo alle Eindrücke der Sinne gespeichert und verarbeitet werden) den Interessen der Seele anzugleichen, bleibt er verwirrt und aufgewühlt und führt als Folge davon ständig nutzlose Auseinandersetzungen mit anderen. Auf diese Weise beginnt der Mensch, andere Mit-Seelen plötzlich als Freunde, Feinde zu betrachten oder sich ihnen gegenüber gleichgültig zu verhalten.» (Bhagavatam 11.23.48)
Durch falsche Identifikation mit seinem Körper, denkt man dann, die Wesen um einen herum, – Partner, Kinder oder Familie -, seien einem zugehörig. Dies führt zu einer Zersplitterung einer künstlichen Wahrnehmung, in welcher man vergisst, dass alle Seelen gleich sind.
Wenn sich das Spannungsfeld innermenschlicher und inner-mitgeschöpflicher Unterschiedlichkeit auflöst, wird der Weg immer freudvoll, denn dem Neid und der Aversion wurde die Grundlage entzogen.
Der Sadhu betrachtet aus dieser Perspektive nicht mein Verhalten und wertet es gemäss den jeweiligen Vorgaben des kulturellen Umfeldes, sondern sieht in allen Mitwesen das eigentliche ewig angelegte Potenzial als Gefährte Gottes.
Wenn das Bewusstsein auf das gelenkt wird, was vergeht – damit ist auch die momentane Bedingtheits-Struktur gemeint – absorbiert sich das Bewusstsein exakt darin.
Deshalb bewertet der Sadhu das bedingte Verhalten nicht, weder durch Lob noch durch Tadel, da sowohl Verworfenheit als auch Frömmigkeit beide nur Teil des Vergessenheits-Schlafes sind.
Tägliche Einübung von Mitgefühl und Verbundenheit als Seelen-Familie schenkt nicht nur die Leichtigkeit des Gemütes, sondern auch einen grossen Enthusiasmus, da zuvor ein Grossteil der Lebensenergie in inner-geschöpflichen Spannungen gebunden war.
—Hier geht es also nicht einfach nur um den Verzicht von Tierleichen, sondern um die natürliche Ausweitung der Bewusstseins-Kapazität des Mitfühlens und Verbundenseins.
-Das Prinzip «keine Drogen zu konsumieren»
Vernebelung des Bewusstseins wird nur nötig, wenn man dem Glauben anhängt, dass die in Klarheit betrachtete Welt eigentlich leer und trostlos sei. Die Blockierung der Lebenskraft durch Drogen-Rausch ist natürlich unsinnig und untergräbt die innere Entschlossenheit, welche so wesentlich ist auf dem Weg.
Freiheit und Unabhängigkeit sind die Grundlagen des inneren Weges. Genau diese werden durch künstlich eingenommene Substanzen untergraben, da sie einen in eine Trägheit und damit in ein Gelenkt-Werden von Umständen hinein sinken lassen.
Sobald die Seele den Geschmack an Freiheit wieder erlernt, erübrigt sich diese Fremdbestimmung durch Stoffe, welche eine Sucht nach Wiederholung erzeugen würden.
Aber es soll nicht in ein Entgegenstämmen gegen solche Rauschmittel münden (Bhagavad Gita 7.27: «Begehren und Aversion sind die beiden Grundprinzipien der Bindung»). Es gibt ja Drogen, die noch viel stärker wirken als Haschisch oder Kaffee. Dies ist die Berauschung an seinem Besitz, an seinem Ehrgefühl, seinen Fähigkeiten und vor allem an seiner eigenen Weise, die Welt zu betrachten. An der Weltanschauung. Also an dem, was die Anhaftungs-Struktur gerade als «einem lieb» betitelt. Diese Identifikation ausserhalb der Seele nennt man Berauschung – die Verzerrung klarer Wahrnehmung.
In der Alltagspraxis erforscht der innere Sucher, was im Geiste Unklarheit schafft und was uns abhängig macht. Dazu gehören natürlich nicht nur Alkohol und Drogen, sondern auch Geld, Macht, Ehre oder auch Handy-Sucht, Internet-Abhängigkeit usw. Das Kultivieren heilsamer und sinnvoller Umgangsweisen ist wesentlicher Teil der Praxis.
Die positive Formulierung von «keine Drogen konsumieren»:
«Ich gelobe, dass ich der Wahrheit begegnen möchte, wie sie sich mir heute zeigt. Ich bin bereit, die Welt in Klarheit ohne Vernebelung anzuschauen aus dem Vertrauen heraus, dass Wirklichkeit erfüllend, sinnvoll und liebevoll ist». Das Letztendliche ist nicht trostlos, denn wäre dem so, gäbe es ja tatsächlich eine Begründung, sein Bewusstsein zu verblenden.
In einer sinnverfüllten Schöpfung entfällt dann natürlicherweise die Tendenz, der Welt auszuweichen und sein Bewusstsein einfach nur in Stumpfheit einzulullen.
«Ich möchte an diesem Tag in tieferen Kontakt mit mir selber kommen…und mit der Beschaffenheit der Wirklichkeit. Ich bin bereit, klar zu sehen, mich allem zu stellen und möchte nicht mehr flüchten oder ausweichen.»
—Darin geht es nicht um Nüchternheit von äusserer Abhängigkeit und Abstumpfung, sondern um die Fähigkeit, alle Bewusstseinskräfte in Sinnhaftigkeit zu investieren – also innere Intensität, ein heiliges Glühen (tapas) zu erlangen. (Bhagavatam 1.17.24)
-Das Prinzip «kein Glücksspiel zu betreiben»
Worin liegt die problematische Grundmentalität hinter diesem Gebot?
Jeder geht in ein Casino in der Hoffnung, dass er gewinnen würde, obwohl es klar ist, dass er immer verlieren wird (selbst solche, die kurzfristig einmal gewinnen). Aber er geht mit der seltsamen Hoffnung da hinein, gewinnen zu dürfen. Diese Haltung auf die gesamte Welt übertragen, nennt man «Glücksspiel».
Es gilt auf dem inneren Weg tatsächlich solch träumerisches Erhoffen abzulegen, denn Hoffnung ins Zeitweilige verlegt, ist die Ursache von Tragik (Bhagavatam 11.8.44 und die 2. Edle Wahrheit des Buddha).
Man ist sich eigentlich bewusst, dass man verlieren wird, doch will man den Glauben an den einfachen Reichtum und Gewinn nicht verlassen. Jedoch formieren sie sich als Antriebsmittel für weiteres Leiden.
Mit Glücksspiel wird nicht nur die Sucht nach Geldverschwendung im Kasino gemeint.
Damit ist auch gemeint, dass man nicht sinnlos seine kostbare menschliche Lebenszeit verspielt, wie zum Beispiel mit Fernsehen, Zeitung-Lesen oder sozialen Medien.
Mit aller Zeit der Welt kann ich nicht einen einzigen sinnlos verschwendeten Augenblick zurückholen.
Es gibt auch den Ausdruck von Sport, welcher den Geist von Konkurrenz- und Leistungsdenken in uns steigert. Sobald man gewinnen will, taucht immer auch die Bereitschaft auf, um seines eigenen Wohles willen zu betrügen.
Die positive Formulierung von «kein Glücksspiel zu betreiben»:
«Ich möchte nun eintreten in die Bereitschaft, ohne Abkürzungen und Wundereinwirkungen den inneren Weg zu gehen. Es wäre unwahrhaftig zu versuchen Dinge zu erhalten, ohne auch einen ehrlichen Einsatz dafür zu schenken. Ich will nicht die billige Gnade, sondern bin bereit, alles was mir zur Verfügung steht, einzusetzen. Leben für Leben. Ich bin bereit zu warten und akzeptiere alles, was kommt, als heiliges Gnadengeschenk.
Dankbarkeit ist die Folge des Verständnisses, Leben als Radha-Krishnas’ geschenkte Überraschung zu erkennen.
Mir ist die Wahrhaftigkeit (satyam – Bhagavatam 1.17.24) wichtiger als momentaner Gewinn. Mir ist die Wahrheit wichtiger als Erfolg.
Mir ist das Wahre wesentlicher im Leben als billige Wunscherfüllung.»
Die Haltung des Betruges, die im Glücksspiel mitschwingt, hofft, ganz wenig zu investieren, um dann einen grossen Gewinn daraus zu machen. Mit minimalem Einsatz möchte man ein Maximum erhalten.
Doch die Grundhaltung reiner Bhakti ist dem genau entgegengesetzt: «ich werde alles geben und niemals etwas zurückfordern. Ich bin bereit, Radha-Krishna zu dienen, auch wenn es das grösste Verlieren mit sich bringen würde». (Bhagavatam 6.17.28). Und dennoch betrachtet man genau die Stimmung der Bedingungslosigkeit als das allergrösste Geschenk, welches die Gnade Gottes verleihen möchte.
In allergrösstem Einsatz und Bemühen würde ich niemals etwas dafür wollen.
(Siksastakam 4)
—Darin geht es um die fundamentale Grundhaltung des inneren Weges, auch dann treu zum Wahren zu sein, wenn es nicht der leichteste Weg ist und unbequem erscheint. Es geht um die bedingungslose Bereitschaft zum Wahrhaftigen und die Entschlossenheit, alle Konsequenzen auf sich zu nehmen.
-Das Prinzip «keine unzulässige Sexualität zu leben»
Sexualität ist die Kraft, die einen auf ein Du hinzu bewegt. Im tiefsten Sinn ist es das Liebes-Geschehen der reinen Seele in Bezug auf Radha-Krishna.
Deshalb nennt man die Quelle der sexuellen Kraft im Sanskrit «adi-rasa» – den heiligen Grundbezug der reinen Seele mit Gott.
Denn Sexualität ist das Grundkonzept von materieller Existenz und es geschieht durch den sexuellen Akt eine Festlegung seines Identitäts-Gefühls in der äusseren Dualität.
Krishna erklärt in der Gita: «Jene aber, deren Handlungen rein sind, die dem Fehlerbegehen ein Ende bereitet haben und frei von der Verblendung der Wahrnehmung in Gegensätzen sind, vermögen Mich mit grosser Entschlossenheit zu verehren.» (Bhagavad Gita 7.28)
Erst in der gänzlichen Ablegung der Orientierung an weltlicher Polarität, die in der Geschlechter-Identifikation fusst, erhält man wieder Kontakt mit der unvermischten Sehnsucht der Seele. Da beginnt die reine Form von Romanze. Eine unvorstellbare emotionale Diversität existiert im liebenden Austausch zwischen Radha-Krishna in Vrindavan.
Wenn die Sinnhaftigkeit, die im liebevollen Dienen zu Radha Krishna innewohnt, vergessen wird und abhandenkommt, dann degradiert sich der “Wille zum Sinn” (das Eschaton, die letztliche Bestimmung der Seele und Harmonisierung mit der Intention Gottes) in den “Willen zur Macht”. Also in den Wunsch nach Einfluss und der Zuschreibung eigener Bedeutung.
Doch diese wird immer frustriert und unerfüllt bleiben, weshalb sich dieser Antrieb dann reduziert und auf den “Willen zur Lust”, auf ein hedonistisches Leben, zurückfällt.
Worin liegt denn darin die problematische Grundmentalität in der Sexualität?
Wenn man mit einem Magnet am Boden einer Werkstatt entlang geht, hängen danach viele Nägel und Metallteile daran. Auf ähnliche Weise zieht die bedingte Seele willkürlich Objekte der Aussenwelt auf sich hin und in ihren Bann und will daraus eine Bereicherung für sich selbst erlangen. Das ist ja auch natürlich für jemand, der im Mangel lebt. Und Mangel ist die direkte Folge von Identifikation mit Rollen ausserhalb der Seele. Diese Sucht nach persönlichem Gewinn (Selbstbezug) und Sinnesbefriedigung ist in der Essenz die Haltung der Sexualität. Es gibt keine andere Tätigkeit, welche die Identifikation mit dem physischen Körper mehr stärken würde als Sexualität.
Identifikation mit seinem Körper weitet sich dann aus, sodass man plötzlich die Umgebung dieser Identifikationsrolle (Heimat) und deren Trabanten (Familie, Partner, Kinder, Besitz)
als einem zugehörig betrachtet (Bhagavatam 5.5.8).
So wird die freie Wahlmöglichkeit der Seele zugeschüttet durch Präferenz im Aussen und Parteilichkeit (da man nun denkt, das sind die Meinen und jene seien Fremde).
Angst entstammt dieser Wahrnehmung von Trennung von der göttlichen Allverbundenheit. Die geschlechtliche Identifikation als Mann oder Frau ist eine Verkleidung und nicht die Identität der Seele.
Diese Haltung des Beziehens von Dingen von Gottes Schöpfung auf sich selber, nennt man «maithuna-bhava», Sexualität. Saranagati, der Weg der Hingabe, lehrt uns, nicht nur alle Objekte der Wandelwelt, sondern jedes Ereignis auf Radha-Krishna hinzubeziehen
und dadurch, -durch alles hindurch-, zu Ihnen erhoben zu werden.
Die positive Formulierung von «keine unzulässige Sexualität»:
Positiv formuliert bedeutet dies, dass man die gänzliche leidenschaftliche Lernbereitschaft aufbringen möchte, das Zentrum aller Existenz auch zum eigenen Lebens-Zentrum werden zu lassen. Das bedeutet, die gesamte Welt nicht mehr aus der kleinlichen bedürftigen Ich-Perspektive zu sehen, sondern als Darbringungsmöglichkeit an Radha-Krishna. Dann entfällt der Drang des Ichs, die Welt um einen herum für die Eigensucht zu missbrauchen.
Der Ausdruck des Mangelbewusstseins – Dinge auf sich selber zu beziehen und der Ausdruck davon – sexueller Antrieb – erübrigt sich und hat sich in den Ursprung zurückverfolgt.
Die Seele möchte aufrichtig lernen, die gesamte Welt als Möglichkeiten für den Seva zu Radha-Krishna zu betrachten.
Das Bhagavatam (11.13.24) formuliert dies auf wundervolle Weise:
„Alles, was man mit Geist, Zunge, Augen, und allen anderen Sinnesorganen wahrnehmen kann, bin Ich alleine und nichts Anderes ausserhalb von Mir.
Bitte verstehe diese Tatsache ganz sorgfältig, indem du innerlich forschst.“
Denn aus der Sicht der Bhakti, der dienenden Liebe, gibt es keinen Unterschied zwischen Ihm und Seinen Energien. Alles möchte in Seinem Seva eingesetzt werden.
«Durch diese Sicht der Einheit vermag man die Dinge nicht mehr auf sich selber zu beziehen, um sie für sich auszubeuten.» (Bhagavatam 11.13.26). Das ist die Wendung im Bewusstsein einer bedingten Seele, welche für so lange Zeit versuchte, Erfüllung aus der Zeitweiligkeit zu pressen.
Diese Haltung des Hin-Bezuges von Dingen von Gottes Schöpfung auf sich selber, wäre ja weltliche Sexualität, doch wenn alle Dinge des gesamten Universums auf das Zentrum allen Seins zentriert werden, entsteht darin eine Harmonie in Allem. Das Bhagavatam versteht Sexualität (maithuna-bhava) als das Hinzugehen auf ein Gegenüber Gottes. Dann spricht man von adi-rasa, dem Ur-Antrieb.
Der ganze spirituelle Weg besteht ja darin zu erkennen, dass wir von einem erstaunlichen transzendenten DU gerufen und eingeladen sind. Der ganze innere Weg geht ja um den Transformationsprozess von kama zu prema (eros zu agape). Bestünde er nicht in der Heimführung der Antriebe, dann ginge es darum, die Wünsche, die Eigensucht, zu zerstören. Wenn die Wunscheskraft aber ausgelöscht wird (via negativa), endet man in einer monistischen oder nihilistischen Erfahrung.
Auf diesem Transformationsweg erkennt man klar, dass man als Seele wirklich nur eine sambandha, nur diese eine Beziehung hat. Zu Radha-Krishna. Als Seele habe ich keine effektive Beziehung zu meiner Mutter, meinem Vater oder Lebenspartnern (Bhagavatam 6.15.3)
Wenn Radha-Krishna das Gegenüber der Seele sind, spricht man von der “höheren Oktave” der Sexualkraft (der Regung, auf ein DU hinzuzugehen): Das ist Bhakti.
Das Geschenk von Bhakti lädt zu einer solchen Ausweitung ein, zum erregendsten Liebesabenteuer.
Für die ewige Seele, die wir sind, ist es ja schon seltsam, sich als Frau oder Mann zu sehen. Erst in der Identifikation mit solchen Überstülpungen entsteht der Sog der Polarität (Bhagavad Gita 7.27), – die Faszination für Körper. In dem Sinne verstanden, kann der sexuelle Akt zwischen materiellen Körpern tatsächlich als ein Gebet für weitere weltliche Identifikation verstanden werden.
Wir lesen ja nicht nur, nicht Körper zu sein, sondern dürfen es in uns Wirklichkeit werden lassen.
Wenn jemand nur schon in körperlich existenziell bedrohliche Situationen gerät – in den Bergen abzustürzen oder einen Autounfall zu haben – wird die sexuelle Aufwühlung oder der Gedanke daran in grosser Ferne sein.
Das lässt sich auch auf die Psyche übertragen. Wenn man etwas innerlich Kostbares hat, lebt man enthoben und unberührt von sexuellen Impulsen. Das innere Leben bringt den Menschen in einen Zustand tiefster Wesentlichkeit, in welchem die mentale Aufwühlung sexueller Gedanken gänzlich absent ist.
Ewige Wesentlichkeit enthebt einen tatsächlich von der Idee, der Geniesser der äusseren Welt sein zu wollen.
Die zu erlernende Grundhaltung: Darin geht es also um Grundbetrachtung, ob ich alles in dieser Welt auf mich selber beziehen möchte, oder tatsächlich lernbereit bin, nicht nur die gesamte Welt, sondern auch meine Momentan-Erfahrung in ihr, auf Gott zu beziehen.
Die Kreativitätskraft, geistig flexibel und wach zu bleiben, ist die Folge davon, die Sexual-Kraft (Schöpfungs-Kraft des Atma) auf das letztliche Du Gottes zu lenken.
Bei allen vier Grundhaltungen geht es ja nicht darum, dass man sie einmal schwört, sondern dass man sie täglich freudig einlädt, mit ihnen wächst und durch diese eine Weitung des Bewusstseins erlebt.
Tendenz zur Heuchelei
Wenn religiöse Ideale nur oberflächlich gelebt werden, vermögen sie unsere tiefen Dränge, Angewohnheiten die aus einer anfangslosen Vergangenheit stammen, nicht zu transformieren.
Aber in spirituellen Gruppen wird abgelegte Weltlichkeit schnell einmal vorausgesetzt, da die Abwendung vom Vergänglichen stark betont wird und als Anzeichen von innerem Fortschritt gewertet wird, dem man ja entsprechen möchte. Das hat zur Folge, dass die Dränge des Menschen als schlecht konnotiert werden und somit eine Tendenz entsteht, dass sie heimlich gelebt werden. Je höher die Ideale, desto stärker wirkt die Selbstentfremdung durch Heuchelei. Genau darin liegt die Tragik, denn in diesem Zeitalter des Kali wäre absolute Aufrichtigkeit noch die letzte verbleibende Tragsäule von Dharma, die aber so untergraben werden kann.
Wenn man die «vier Prinzipien» als negative Gebote versteht, fördert man Weltabgewandtheit und damit die Selbsterhöhung derjenigen, die solches lockt. Man setzt nun eine narzisstische Störung als Treibmittel ein. Dies ist eigentlich eine Verweigerung der Selbsttranszendenz. Die Folge davon ist, dass man anstatt nach Selbst-Verwirklichung nach Ego-Verwirklichung sucht. Dies führt allerdings nicht in die Selbstfindung, sondern in die Selbst-Entfremdung, das heisst, man wird in Verlorenheit, Sinnlosigkeit und Einsamkeit (die Umkehr von sat-cit-ananda – Verbundenheit, Bedeutsamkeit und liebevoller Begegnung) hineingedrückt.
Das Bhakti-Verständnis von Entsagung (vairagya) ist ja nicht, etwas in der Welt abzulehnen, sondern nur unsere persönliche Verhaftung an sie abzulegen, damit die inhärente Verbundenheit aller Dinge mit Krishna wieder aufleuchten darf.
Zölibatäre brauchen nicht als Fortgeschrittene auf dem inneren Weg betrachtet zu werden und damit schwindet auch die Attraktivität, dies zu imitieren. Denn dann ist der Lohn des
Ansehens nicht mehr damit verknüpft.
Ein strenges Einhalten von Geboten kann auch zur Nichtfühlung, zur mangelnden Wahrnehmung, Umgehung oder sogar Unterdrückung von Bedürfnissen führen. Dies führt in die Schwäche und nie zur Selbstverwirklichung hin. Anstatt die Bedürfnisse zu umarmen und die Impulse auf ihren Ursprung zurückzuführen – auf die Sehnsucht der Seele nach der Beziehung zur Radha-Krishna, werden sie von sich weggeschnitten. Dies führt in die Schwächung.
Die Unzufriedenheit, die man dann im eigenen Lebensstil empfindet, wird dann auf die Mitwesen übertragen in Gestalt von Verurteilungen ihrer Lebensart. Dies sind Ausprägungen von Religion, welche nicht nur für die Praktikanten ein grosses Hindernis darstellen, sondern diese auch zu recht unangenehmen Zeitgenossen macht.
Wenn man aber diese Gebote oder Richtlinien als einen Wegweiser zu inneren Mentalitäten betrachtet, sie mit dem Verstand durchleuchtet und vom Herzen ein bejahendes Echo hört, dann werden sie heilbringend. Dann bleibt man auch den Mitmenschen gegenüber offen, ohne Aburteilungen ihnen gegenüber. Dann können solche Orientierungen und Einladungen zur Authentizität beitragen. Doch ohne inneres Verständnis, ist angesichts solcher eingeforderten Prinzipien die Tendenz zur äusseren Imitation, also der Heuchelei (Bhagavad Gita 3.6), sehr stark.
Spiritueller Stolz ist ein Präsentieren ohne wirklichen Inhalt. So wird die Hybris der äusseren Ambition gestärkt. Da ist mir die aufrichtige Demut des Sünders kostbarer.
Authentizität als Heilung von Heuchelei
Gestehst du dir einen möglichen Fehltritt zu?
Wenn nicht, dann hat man die fürsorgende Liebe von Radha-Krishna noch nicht erkannt.
Dieses Nicht-Zugestehen führt einen in eine erhebliche Form der Selbst-Verkrampfung. Die Intoleranz zur eigenen Fehlerhaftigkeit führt nur in die Hochspannung.
Ein Grossteil meines Heimwegs setzt sich wirklich zusammen aus einer Aneinanderreihung von Fehltritten.
Dem Fehltritt darf mit Toleranz und Sanftmut begegnet werden.
Das kann eigentlich jeder Mensch einsehen. Doch ist die Bereitschaft, die Zügel einmal abzugeben, nur selten vorhanden.
Wenn jemand überhöhte Ansprüche an sich selbst stellt, bedeutet dies eigentlich, dass die momentane Ich-Struktur Gott spielt.
Diese Überhöhung ist eine Tendenz, über die eigene Menschlichkeit weit hinaus reichen zu wollen und sich schwer zu tun mit der Akzeptanz, dass ich auch in dem Fehltritt genauso angenommen bin von Radha-Krishnas Liebe (Bhagavad Gita 9.31).
Es gibt viele Menschen, die sich auf dem spirituellen Weg wähnen, aber nur begrenzt Einsicht haben wollen, dass das Ich auf der Flucht vor der eigenen Begrenztheit versucht, in jenen Himmel auszureissen, den es für die spirituelle Welt selbst hält. Das ist diese Verknorztheit, die man überall beobachten kann.
Dabei begreift es nicht, dass jede Form der Transzendenz nur über die vollständige Inkarnation des Menschen führen kann. Das Überschreien der Begrenzungen fordert erst einmal die gänzliche Akzeptanz dieser. Das heisst, dass der Mensch des inneren Weges erst einmal aufgefordert ist, sich gänzlich mit der Welt, wie sie gerade ist, zu versöhnen.
Solange man glaubt, der innere Weg sei eine Hilfestellung auf der Flucht vom gewöhnlichen Mensch-Sein, lebt man in der Essenz einen Gottes-Missbrauch.
Denn in der Verkrampfung wird man nicht in der Lage sein, den jetzigen Gnadenmoment zu erfahren. Eben Bedingungslosigkeit, die nicht an meine Leistung geknüpft ist.
Viele Bhaktas auf dem Weg sind von vielen Schamgefühlen geprägt.
Sie besagen, dass sehr vieles, was gerade in mir drin ist, nicht da sein dürfte.
Sehr oft taucht Scham aufgrund von sehr rigorosen moralischen Verständnissen auf, die man mit Religion, dem heiligen Gottesbezug, so nebenbei auch noch aufgenommen hatte. Dann wird plötzlich der Gotteszugang als ein Einschüchterungs-Programm empfunden.
In dem Verständnis, mit allem was in mir ist eine fundamentale Akzeptanz vor Radha-Krishna zu haben, darf Ihnen auch genau das mitgeteilt werden, was eigentlich nicht in mir zu sein bräuchte. Der Moment, wo die Scham ihren Verschleierungsmantel über alles legen will, ist tatsächlich ein Heilsmoment, wenn dieser zu einem Moment des Mitteilens zu Radha-Krishna wird. Ein Moment des Offenlegens löst so vieles, denn Scham ist verfestigte Identifikation.
End-Gedanke:
Es ist notwendig, Religion immer wieder neu zu verstehen. Es darf nie zur Repetition des Gewesenen verkommen.
«Die Kirchen waren leer und sie verdienten es zu sein.
Die Theater waren gedrängt voll und mit Recht. Eine Berliner Zeitung sagt Ende des 18. Jahrhunderts voraus, dass der christliche Glaube in zwanzig Jahren in Deutschland erloschen sein wird.»
Auf diese Beobachtung hin schreibt Friedrich Schleiermacher im Jahre 1799 das Buch:
«Über die Religion – Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern»
Darin hat er eine neue Konzeption von Religion vorgestellt, da es so nicht weitergehen könne.
Er formuliert, dass Religion Sinn, Gespür und Geschmack für das Unendliche sei.
Wir sind nun wirklich in einer Zeit, wo die Kirchen leer und die Fussball-Stadien gefüllt sind. Wir brauchen dringlich neue Ansätze, den Gotteszugang zu erkennen.
Das ist das Wundervolle in der Begegnung mit dem Unendlichen – dass kein Verständnis je als abgeschlossen zu betrachten ist und endgültig genügen könne.
«Im Verlaufe der Zeit hat die Ganga ihr Flussbett verändert. Wenn man nun insistiert, im alten trockenen Flussbett sein Bad nehmen zu wollen, denn so hat man es in der Vergangenheit immer schon gemacht, – was kann über eine solche Person gesagt werden?» Srila Bhaktisiddhanta Sarasvati Thakur
Es gibt eine Verhaftung an alte Umgangsformen und Ausdrucksweisen der Bhakti, in welchen aber der Fluss von Bhakti-Rasa längst nicht mehr fliessen mag.
Wahrheit kann nie damit legitimiert werden, dass es ja immer schon so gemacht wurde.
Es bedarf ja gerade dieser wachen inneren Haltung, der Spur der Wahrheit immer zu folgen unabhängig von alten Flussbetten.
Menschen unserer Zeit haben zumeist die Verbindung an eine religiöse Tradition verloren. Aus guten Gründen. Diese Leer-Stelle wird dann aufgefüllt mit Krypto-Religiosität, die sich ausdrückt in Verehrung von Sportlern oder Musikern oder auch in der Sucht, Welt-Dinge zu konsumieren.
Es mangelt nicht an religiöser Sehnsucht, aber an gelebter Spiritualität, die in Menschen aufleuchtet, die effektiv von der Ur-Quelle gespiesen werden.
Religiöse Konventionen berühren noch nicht annähernd den Kern dieser Sehnsucht. Religiöse Formen vermögen den Menschen oft nicht mehr anzusprechen und man kann sie auch übernehmen, ohne dass das eigene Leben davon effektiv verwandelt wird. Religiös sein, ohne eigentliche Wandlung des Wesens, ist fahl.
Aus tiefem Herzen glaube ich, dass auch diese vier regulierenden Prinzipien eigentlich Einladungen der Bewusstseinserweiterung darstellen und einen nicht einfach in ein bestimmtes moralisches Verhalten hineindrücken möchten. Es geht nicht um Zugehörigkeit
zu einer Glaubensgemeinschaft, sondern um Weitung des Bewusstseins in heilige Empfänglichkeit hinein.
Solange man diese vier regulierenden Prinzipien nur als Schutzwall vor der Sünde versteht, bleiben sie in der Tiefe wirkungslos und machen den Befolger ängstlich und schwach. Doch wenn man diese als Hinweise auf Mentalitäten erkennt, wird alles in uns lebendig.
Faszination anstatt Regulation.
Immanuel Kant schreibt in «Kritik der reinen Vernunft», dass ein ethisches Verhalten, das in einem hierarchischen Gefälle der Macht eingefordert wird, das Gegenteil von aller Ethik darstellt.
Sie darf im Inneren des Menschen geboren werden, aber nicht durch äussere Kommandos dressiert werden.
Abhängigkeit statt Autonomie ist der Widerspruch zu allem Menschlichen.
Sri Caitanya Mahaprabhu sagte:
“Mein lieber Freund, wenn du Mir sagst: „Versuche einfach, Deine Sinne zu beherrschen!’ – was soll ich dir dann antworten? lch kann Meinen Sinnen nicht zürnen. Ist es ihre Schuld? Krishnas Schönheit, der Klang Seiner Stimme und Seiner Flöte, die Berührung durch Seinen Körper, Sein Duft und der Geschmack Seiner Lippen wirken von Natur aus äusserst anziehend. Die fünf Eigenschaften ziehen Meine Sinne an, und jeder möchte Meinen Geist in eine andere Richtung ziehen. Daher ist das Leben Meines Geistes in grosser Gefahr..” (Caitanya Caritamrita 3.15.18)
Die Natur der Sinne ist nicht eine gefährliche und zu bekämpfende Arrangierung, die einen in die äussere Welt involvieren möchte, sondern letztlich in die gänzliche Ausrichtung auf Radha-Krishna.
Tradierte Religion hat die drei Grundtriebe, Essen, Sexualität und Besitzstreben als Feinde verstanden – der innere Weg richtet sie nur neu und tiefer aus.