Der Halb-Wert von Frauen

In Bezug auf die Aussage im Caitanya Caritamrta 3.2.105-106

«Es gibt dreieinhalb Personen, welche die vertrautesten Gefährten von Sri Caitanya sind. Diese sind Svarupa Damodar Goswami, Ramananda Raya und Sikhi Mahiti. Die halbe Person war Sikhi Mahitis Schwester (Madhavi).»

Srila Prabhupada sagt dann direkt, dass Madhavi nur als halb betrachtet werden könne, da sie eine Frau sei (Caitanya Caritamrita 1.10.137, Erläuterung).

Da wird gesagt, dass Frauen nur halb so viel wert wie Männer seien. Dies ist zwar die Nebenaussage in dem obigen Vers aus dem Caitanya Caritamrita, doch ist sie gewichtig.

Natürlich kann man versuchen, die gravierende Heftigkeit dieses Verses zu beschönigen.

Narayana Maharaja macht dies, indem er irgendwie ausweicht und fragt, weshalb Gadadhara nicht zu den wichtigsten 3,5 intimen Gefährten Mahaprabhus zähle (https://www.purebhakti.com/teachers/bhakti-discourses/20-discourses-2001/106-the-glories-of-sri-gadadhara-pandita)

Einige argumentieren, dass Madhavi vielleicht deshalb nur als «halb» gezählt wurde, weil sie im Vraja Lila eine nicht so wesentliche Position eingenommen habe wie es Svarupa Damodar oder Ramananda Raya hätten. Aber im Gaura Ganoddesa-Dipika (189) heisst es, dass Madhavi eine Dienerin von Radhika mit Namen Kalākeli ist. Vom Standpunkt von rasa hat sie sogar noch eine höhere Position als Lalita und Visakha (Vilapa Kusumanjali, Vers 16).

Redlichkeit muss aber immer ein wesentlicher Bestandteil der Suche nach dem Absoluten sein (athato brahma jijnasa, Bhagavatam 2.9.36). Man darf dafür einstehen, wenn etwas nicht stimmig ist und muss es nicht verschleiern oder irgendwie zu beschönigen versuchen, nur weil man doch Vertrauen in die jeweilige Offenbarungs-Tradition wahren möchte.

Ein Beispiel für solche Unredlichkeit findet sich in der neuesten Broschüre des «Iskcon communication Journal» (Volume 13, 2022, S.111 ff.). Da versucht Joshua Greene, ein Schüler von Prabhupada, die Aussagen seines Lehrers über Hitler («he was a good man») zu rechtfertigen, indem er anfügt, dass sich auch Gandhi positiv zu Hitler geäussert habe und dass Prabhupada ja auch andere Dinge über Hitler gesagt habe (S.117).

Es bedarf der Redlichkeit, auch auf problematische Aussagen anzusprechen und diese nicht irgendwie einfach nur zu beschönigen oder stillschweigend zu übergehen.

Wie kann man diese Aussage eines Zentraltextes der Gaudiya-Vaishnavas nun einordnen?

Dieses Verständnis, dass Frauen nur halb so viel zählten wie Männer, stammt sehr wahrscheinlich aus dem Islam.

Im Koran (2.282) heisst es, dass die juristische Zeugenschaft von einem Mann gleichwertig ist wie diejenige von zwei Frauen.

Es ist nicht sonderlich erstaunlich, dass die islamische Besetzung Indiens über viele Jahrhunderte lang (1200-1858) auch Spuren im Denken der Menschen hinterlassen hat.

‚Cross-pollination’ (Fremdbestäubung) ist in der Natur die Norm, nicht die Ausnahme. Das hat die Natur so vorgeschrieben. Die religiösen Traditionen vermögen da begrenzt zu filtern. Doch auch da sind historisch gesehen gegenseitige Einflüsse unvermeidlich. Hellenistisches Denken hat zum Beispiel direkt Eingang ins Christentum gefunden.

Interessanterweise besagen Gelehrte in Vrindavana wie Srivatsa Goswami, dass selbst der Stil von Kirtan (nebst Architektur, Musik etc.) zu einem Grossteil aus dem Islam stamme.

Schon im 13. Jahrhundert, als Muslime die nordwestlichen Teile Indiens erobert hatten, wurden die dort lebenden Hindus zu Schutzbefohlenen erklärt.

Auf der historischen Ebene existiert keine spirituelle Tradition isoliert von ihrem Umfeld und abgetrennt von gegenseitigen Einflüssen.

Aber es ist erstaunlich, dass selbst tiefe Vaishnavas und auch selbstverwirklichte Heilige unmenschliche und widergöttliche, diabolische (spaltende) Irrlehren wie die des «Halb-Werts» von Frauen, zu glauben begannen. Wahrscheinlich nicht als Agenten der Ignoranz, sondern einfach als Opfer sehr eingeschränkter Verständnisse in der jeweiligen Gesellschaft. 

Es ist tatsächlich nicht so leicht zu verstehen, dass auch eine Person wie Krishnadasa Kaviraja Goswami, von dem ich glaube, dass er im ewigen Vrindavana Kasturi Manjari ist und in diese Welt hinein gestiegen ist, an haarsträubenden Irrtümern dieser Welt partizipiert.

Im Upadeshamrta beschreibt Rupa Goswami das Phänomen des svabhava-dosha: eine fehlerhafte Haltung bezüglich relativer Dinge (siehe Anmerkung 1). Dennoch würde man in einem solch zentralen Anliegen wie im Umgang zwischen den Geschlechtern nicht einen solchen Irrtum erwarten.

Vielleicht ist es gesund, die Über-Idealisierung von Heiligen mehr zu erden.

Hat dies nicht selbst das Bhagavatam gemacht? Parallel zu Preisungen hat Vyasadeva bewusst seine eigene unkonventionelle Zeugung durch seinen Vater Parasara Muni unverändert und unverdeckt beschrieben. Im Lichte heutiger Orthodoxie war hier ein krasses Abweichen von dharmischen Prinzipien geschehen (Parasara überbekam bei der Überfahrt über einen Fluss plötzlich sexuelle Lust und er schwängerte die Bootsfahrerin). Auch hat er weitere skandalöse Taten anderer Heiliger beschrieben, wie die Vergewaltigung Mamatas durch Brihaspati (Bhagavatam 9.20.36): Er vergewaltigt die Frau seines Bruders. Dennoch wird Brihaspati oft als «muni-varam» (6.7.8) bezeichnet und auch als der Guru aller Devas.

Die zentrale Frage ist doch, wieso sind diese Ereignisse bewusst in den heiligen Texten und sogar im Bhagavatam platziert, obwohl sich dadurch wahrscheinlich viele moralische Menschen von dieser Schrift fernhalten oder diese zurückweisen werden?

Es scheint, es war Vyasa so viel Wert!

Es sieht so aus, dass Überidealisierung sterben soll. Heilige begehen auch Fehler.

Anugatya, heilige Nachfolge, ist ein ganz kostbares Prinzip des inneren Weges. Würde ich aber mit Brihaspati, dem Guru der Devas, welcher im Caitanya Lila als Sarvabhauma Bhattacarya erschienen ist, bezüglich der Vergewaltigung oder auch mit Krishnadasa Kaviraja Goswami in diesem Punkt der Halbwertigkeit von Frauen einverstanden sein und ihnen Recht geben, würde ich mit meinem gegenwärtigen Wissenstand eine widergöttliche Haltung leben.

Kein einziger Mensch in meinem Umfeld wäre einverstanden, wenn ich ihm sagen würde, dass Frauen nur den halben Wert hätten.

Was mich aber innerlich traurig macht, ist, dass ein Grossteil der Gaudiya Vaishnavas dieser Aussage lieber zustimmen würden als in diesem Punkt Krishnadasa Kaviraja zu widersprechen.

Der mangelnde Mut, Sri Guru bei falschen Aussagen keinen Gehorsam zu leisten und auch nicht aufzubegehren, ist eigentlich Resignation und der Verwurf des wichtigsten Prinzips – der Wahrheitssuche.

Die meisten spirituellen Gruppen und Traditionen – die unsere eingeschlossen – helfen Menschen nicht wirklich, aus der Heteronomie herauszuwachsen.

Denn dies würde erst einmal bedeuten, sich zu getrauen, Abschied zu nehmen von Konformität, Erwartungen anderer, Gruppenverhalten, Stammestraditionen, gegebenen Glaubenssystemen und Zugehörigkeitsdenken. Man würde es nie mehr bevorzugen, seltsame Aussagen in der heiligen Tradition einfach anzunehmen und dafür nirgendwo anzuecken.

Wenn man es vorzieht, nicht anzustossen und einfach angepasst und gleichgeordnet zu sein, dann wird der innere Freiheitsweg zu einem dogmatischen Gefängnis, welches die Seelen in eine Schablone, in Konformität, hineinplatziert, anstatt sie zu begleiten in die wirklich frei gewählte Liebe zu Radha-Krishna.

Wenn man sich einmal einem bestimmten Glaubensgebäude zugehörig fühlt, entsteht eine Tendenz, dieses vor Zweifeln und Infragestellungen durch sich selbst und andere Menschen zu verteidigen. Das kann auch darin bestehen, dass man fragwürdige Aspekte und vom Gewissen her eigentlich unannehmbare Aussagen irgendwie zu harmonisieren versucht. Denn das unsichere Ich liebt Sakrosanktheit.

Man braucht aber gar nicht zu versuchen, gewisse Verse oder Aussagen irgendwie zurechtzubiegen, sondern darf den Mut aufbringen, sie einfach als falsch zu benennen.

Aber wenn man einmal ein Tor öffnet, dass gewisse Aussagen aus den heiligen Schriften irrtümlich sein könnten, dann öffnet das ja eine Pandora-Büchse… was ist nun noch wahr und richtig?

Genau da wird es eigentlich spannend, denn man hat dem Fundamentalismus den Zahn gezogen.

Viele Regeln, die Vaishnavas noch leben, stammen aus einem indischen Kontext und sind nicht förderlich für den natürlichen Fluss der Hingabe. Auch grosse Heilige verkörpern manchmal ein Regelwerk, welches eher hinderlich ist.

Aber ich kann das einordnen unter svabhava-dosha (Upadeshamrita Vers 6). Das ist eine Fehlerhaftigkeit in grossen Seelen, die sie einfach durch Angewöhnung noch in sich tragen. Ich brauche diese nicht zu ver-absolutieren und zu verheiligen, darf mich aber dennoch von ihrer reinen Liebe und heiligen Inspiration berühren lassen.

Anmerkung 1 – Dieses Verständnis von «svabhava-dosha» ist in keiner Weise eine Legitimierung von Fehlern von irgendjemandem. Es wäre schrecklich, wenn ethische Verfehlungen in irgendeiner Form von heiligem Verständnis gestützt und getragen würden.