Kapitel 1
Das erste Kapitel heisst „vishada-Yoga“, das Yoga der Verzweiflung, das Yoga der Erschütterung, das Yoga der Niedergeschlagenheit und Verwirrung. Dumpfheit ist gesetzter Staub, Verwirrung ist aufgewirbelter Staub. Deshalb stellt genau dies einen wesentlichen Yogapfad dar.
Verzweiflung, die Kapitulation der weltlichen Identität, ist eine Initiation, ein Anfang für den Yogaweg. Eine Erfahrung der Leere, der Desillusionierung ist für die meisten notwendig, um zur grossen Transformation aufzubrechen. Damit ist nicht die Enttäuschung gemeint, dass einen der Partner verlassen hatte, ein geliebter Freund gestorben ist oder man gerade seinen Traumberuf verloren hatte. Wer denkt, alles sei in Ordnung, wie es nun ist – man hat genug Nahrung, einen anständigen Beruf und ist umgeben von Menschen, die einen lieb haben – kann niemals eine echte Türe zur Transzendenz finden. Es braucht die Erfahrung der grundlegenden Leere, des „Zuwenig“ in dieser Welt, eine Rebellion zu einem verbürgerlichten Leben, ein Zweifel an der bisherigen Existenz, welche in der Begegnung und innerer Konfrontation mit der Transzendenz geboren werden. Vor dieser Begegnung war die Welt noch in Ordnung. Die Angst vor dieser sehr existentiellen Erschütterung mag eine Erklärung sein, weswegen viele Menschen ein Leben an der Oberfläche vorziehen, denn sie wissen, dass der Rattenschwanz der Konsequenzen zu lange wäre.
Diese Verzweiflung ist nicht gleichzusetzen mit Enttäuschung, Frustration und Depression, welche Symptome sind, die Hoffnungen auf die Welt zwar noch zu haben, aber nicht erfüllt zu bekommen. Sie ist ein Gewissenskonflikt, eine Folge des inneren Herauswachsens und ein Abschied nehmen und Gesättigt-sein von einem Leben der kleinen Annehmlichkeiten. Wenn der spirituelle Weg motiviert wird durch die Bekümmernis der Verunmöglichung materieller Umstände, wäre er nur eine Instrumentalisierung innerweltlichen Einrichtens.
Das erste Kennzeichen einer erwachenden Seele besteht darin, dass sie Seele nicht mehr wie früher Freude empfindet an allen schönen, guten und liebenswürdigen Dingen dieser Welt. Und zwar nicht aus Enttäuschung oder Frustration heraus, sondern weil sie langsam aus ihr herauswächst, genauso wie jemand aus dem Spielzeug-Alter ganz natürlich herauswächst.
Die Seele fühlt, zuerst schwach, dann immer stärker und öfter: “Das ist alles irgendwie zuwenig”.
Es füllt sie nicht mehr aus. Wohl wusste sie immer, dass sie nicht daran satt sein könne für immer. Da sie vorher ja fromm lebte, verband sie ganz von selbst jenes Freuen auch mit Gott, den sie in der Schönheit der Natur und in der sinnvollen Abfolge der Geschicke wahrnahm. So freute sie sich mit Ihm, aber doch mit Ihm an jenen Wesen, an Blumen, Sternen, Menschen, an Musik, Bild und Dichtung, an hohen Gedanken und edlem Tun, an Geschichte, Reisen und Begegnungen.
Nun aber wird dies alles schal. Es verklingt und versandet.
Die Seele erfährt eine innere Unsicherheit: “Was ist mit mir geschehen? Weshalb freut mich dies nun nicht mehr von Herzen? Bin ich krank?”
Die Seele empfindet eine grosse Leere und Ernüchterung, wenn sie mit diesem Altgewohnten umgeht. Zuweilen steigert sich das zu einem richtigen Widerwillen, der mit einer nachdenklichen Traurigkeit gepaart ist.
Nicht kontinuierlich ist dies so. Die Seele kann auch wieder einmal ganz aufgehen in einem schönen Buch, ganz verzaubert sein von einer herrlichen Symphonie. Aber dann bricht das wieder ab, manchmal mitten während der Freude. Etwas Graues verhüllt alles, entleert und entwertet es. Und sie weiss, dass sie etwas ganz anderes sucht und will. Sie spürt es im tiefsten immer deutlicher: Dass es Gott ist, nachdem ihr Herz sucht, und schon seit unzähligen Leben gesucht hat.
Das Suchen kann zum Schreien werden. Sie wandert draussen durch blühende Wiesen, die bisher ihr grosses Entzücken bildeten, sie entdeckt eine seltene Blume, auf die sie sich immer schon gefreut hatte. Aber was ist in ihr? Kein Jubelruf, sondern etwas wie ein Schmerz zieht durch sie hindurch. Oder sie starrt auf dieses kleine Wunder der Schöpfung, und ihr ist, als flüstere sie ganz in der Tiefe: “Dies nur gibst Du mir? Warum nur das? Warum nicht Dich?
Die Seele ist sich gewahr: Krishna ist allgegenwärtig, Sein Wesen leuchtet aus allem, was sie sieht.
Aber sie will mehr. Sie will Ihn ohne das andere, ohne seine Werke, die Ihn verhüllen.
Dieses „Zuwenig“ ist die Erfahrung des Yoga der Verzweiflung (vishada-yoga), welches das Yoga des ersten Kapitels ist. Dieser existenzielle Schmerz zeigt an, dass etwas grundlegend falsch ist, dass man noch nicht bei seiner wesentlichen Bestimmung angekommen ist. Diese Form der Verzweiflung ist eine Initiation in den Yoga-Pfad.
Die meisten Menschen sind in so einem Lebenszustand, dass sie diesen Schmerz nur ganz selten wahrnehmen und ihn dann meistens gleich wieder betäuben.
Man kann Vishada auch als Enttäuschung übersetzen. Man hat also die Hoffnung aufgegeben, seine Heimat im Fluss der Zeitweiligkeit zu definieren.
Ungesichertheit ist kein Hindernis in der Selbsterforschung.
„Krishna, Ich lebte in der Verlässlichkeit in die gewohnte Welt…
Was für ein Geschenk ist da Krishnas Intervention, die erst einmal als Irritation ins eigene Leben tritt.“
Diejenigen, die glauben, sie könnten sich hingeben, wenn sie sich sicher fühlen, zuhause in dem Kämmerlein, in dem Kleingarten der Scheingeborgenheit, halten noch fest am Widerstand gegenüber der Wahrheit.
Aus mangelndem Glaube heraus entsteht schnell einmal die Übergläubigkeit.
Das ist ein Ausdruck der Religion, die aus sich sehnendem Sicherheits- und Aufgehobenheitsbedürfnis entsteht und eine starke Tendenz zu verfestigten Glaubensvorstellungen in sich trägt.
Wenn man sich aller Ungewissheit stellt, entsteht eine natürliche und authentische Gläubigkeit – den erlebten Sinngehalt aller Schöpfung.
Konfessionelle Spiritualität glaubt, Gewissheit vermitteln zu können. Durch solche Versprechen werden Menschen angezogen, die der Unsicherheit entfliehen wollen und deshalb schnell ein hohes Aggressionspotenzial an den Tag legen, wenn sie ihr religiöses Heil bedroht sehen.
Auf dem inneren Weg aber kann man kein Konzept eines Heilmittels anwenden, von dem man glaubt, es sei unser einziges und immerwährendes auf dem gesamten Weg. Wir brauchen immer neue, immer andere, immer die, die dem Augenblick angemessen sind. Das ist kein Weg der Kochrezepte; Kochrezepte sind für einfache Gläubige – die wollen wissen, wie es geht, wie man zu Gott gelangt, wie man ein guter Mensch werde und wie man in den Himmel komme. Vereinfacht will man alles aufgetischt bekommen – welche moralischen Werte man einhalten muss und welche es zu vermeiden gilt – und glaubt, das würde genügen. Einfach alles von einem Priester verschrieben bekommen…. Es scheint einfach und einleuchtend, ist aber nicht der Weg zur Wahrheit. Dieser führt erst einmal in die grundlegende Seins-Verunsicherung. Die gesamte säkulare Gesellschaft und auch die konfessionelle Spiritualität ist ein erfolgloser Versuch, der fundamentalen Ungesichertheit irgendwie auszuweichen.
Aber gerade aus der Gnade der Ungesichertheit wird das Wahre geboren. Deshalb beginnt die Bhagavad Gita mit dem Kapitel „Yoga der Verzweiflung“.
Wenn man lernen möchte, mit Unsicherheit umzugehen, geht man in eine Psychotherapie. Wenn man lernen möchte, mit Ungewissheit nicht mehr umzugehen und sie wirklich zuzulassen, ist das der Eintritt für einen inneren Weg.
Wenn Religion Inseln der Geborgenheit in einem Meer der Unübersichtlichkeit liefern soll,
gesicherte Werte in einer konfusen Welt oder die Einstellung, einer Gemeinschaft von Wissenden anzugehören, die sich von der unwissenden Welt abhebt, wird sie nicht nur fragwürdig, sondern gefährlich. Sie erhöht so nur die Hoffnungen des Eigennutz.
Religion fordert erst einmal zum Aufbruch in die absolute Ungesichertheit auf.
Sie legt ein Urvertrauen in die Seele hinein, dass im Abbau aller Sicherheit das Allerwesentlichste nicht verloren geht.
Die Verteidigung meiner Gedankenwelten und Weltanschauungen wird erst möglich, wenn man sich mit ihnen identifiziert. Denn erst dann werden die Ich-Rolle und die eigene Geschichte bedeutsam. Dann nenne ich sie nicht mehr „meine momentane Wahrheit“, sondern „die Wahrheit“.
Die klare nach innen gerichtete Wahrnehmung ist dankbar, wenn die Gedankenwelten und alle bisherigen Perspektiven umgestossen werden. Denn dies bedeutet, dass die Sichtweise erweitert werden darf.
Alle Infragestellung darf nun eingeladen werden.
Solange man den grundlegenden Zweifel nicht willkommen heisst, bleibt man am Anfang des Weges. Man glaubt, durch den inneren Weg die alte Sicherheit zu stabilisieren zu können, anstatt einzutreten in den Raum unerschütterbarer Wahrheit.
Das erste Kapitel führt an diesen Punkt wesentlicher Erschütterung hin. Dann erst kann spirituelle Unterweisung beginnen.
Die Erlangung der Leidensbewusstheit ist eine wesentliche und nicht zu umgehende Stufe des inneren Weges.
Es ist gar nicht so tragisch, wenn man die Erschütterung wirklich zulässt. Es war viel schlimmer, sie nicht zuzulassen und im ständigen Versuch zu verweilen, Herr über sie zu werden.
Es ist nicht die Hingabe, die schmerzt, sondern der Widerstand vor ihr.
Latente Ungewissheit
In der ganz dünnen Schicht unseres Wachbewusstseins, das wir für unser “ich” halten, denken wir, wir würden die Welt wahrnehmen. Aber neun Zehntel des Eisberges stehen unter Wasser. Die meisten Abläufe in unserem Inneren geschehen ohne die bewusste Entscheidung des gegenwärtigen „Ich“.
Dieser Schatten meiner eigenen Vergangenheit, meiner Samskaras (der Eindrücke meiner vergangenen Leben) begleitet die Seele und ist in den Entscheidungsprozessen von gewichtigem Einfluss. Das Koordinatengitter menschlich bedingten Verhaltens, unsere Einordnungen in “richtig”, “falsch”, “gut”, “schlecht”, spielen sich viel mehr auf der Ebene fluktuativer Empfindsamkeiten ab, als wir uns eigentlich eingestehen wollen.
So leben wir fremdgesteuert von der eigenen Vergangenheit einen Grossteil unseres Lebens praktisch schlafend, nicht proaktiv auf das Handeln hinzugehend. Und unser Verstehen bleibt dementsprechend reduziert und partiell. Und mit jedem Erkenntnisbrocken kommt gleichzeitig ein grosser Schatten mit, der missinterpretiert, der verzerrt und entstellt, der verwechselt und das kleine Erkennen gleich wieder verworren macht.
Das wahrnehmende Bewusstsein ist ja bereits nur eine ganz dünne Schicht über dem Unterbewussten, welches ganz massgeblich diese Wahrnehmung prägt und was immer es aufnimmt, wird sofort gefiltert durch das drohende Gewicht des Schattens.
Und so glaubt und denkt man, man hätte Einsicht, man hätte etwas verstanden, man sei am Erwachen, aber es ist nichts anderes als ein erneutes Missverständnis. Die Komplexität wächst nun aber: nun ist man in der Illusion, die Illusion überwunden zu haben.
Deshalb ist die Beobachtung der Funktionsabläufe im Unbewusstenten essentiell, da sonst alles vermeintliche Erkennen nur wieder ein erneutes Missverstehen beinhaltet und da hinein mündet.
Die Sonne des Sadhana wird viele bisher unerwünschte Anteile meiner materiellen psychischen Hülle bewusst machen, und es braucht „dhirata“ (BG 2.13), Ruhe in der spirituellen Verankerung, dass man diese erkannten Wesensanteile nicht gerade wieder verdrängt und somit wieder dem Schatten zuordnet.
Im Alltagbewusstsein in der Umgangswelt denken wir, dass wir manchmal etwas missverstehen, dass wir aber doch das meiste erkennen und verstehen.
Sat-Sang, Gemeinschaft mit Heiligen, lässt uns das Gegenteil diagnostizieren: auch wenn man im spirituellen Leben meint, etwas verstanden zu haben, ist es mit grosser Wahrscheinlichkeit einfach ein erneutes Verkennen.
Diese Missdeutung und Verfälschung geschieht eben aufgrund des riesigen Schattens, den wir mit uns tragen. Ohne dieses Handycap wäre jegliches spirituelles Bemühen eine Einfachheit.
Dieser dicke Filter unserer eigenen selbstverursachten Vergangenheit kreiert auch im Heiligsten wieder Dunkelheit.
Alles Verstehen, jede Verwirklichung wird dadurch verzerrt und es untersteht nicht einmal der eigenen Kontrolle, es nicht zu verzerren.
Aber was man tun kann, ist, dies einzugestehen, dieses Phänomen anzuerkennen, die Achtsamkeit vergrössern, dass der verzerrende Teil des Unterbewusstseins verkleinert wird.
Erst im Licht des Gewahrwerdens, in konstanter Aufmerksamkeit löst sich der Schatten allmählich auf, der ja genau aus der Unaufmerksamkeit besteht.
Erst in der vollkommenen Bewusstheit und Wachheit wird dann das Missverständnis ausgeschlossen. Der Erwachte erst versteht wirklich. Und bis dahin ist die Erkenntnisfähigkeit gefärbt und getrübt, das Wissen auch immer noch teilweise Täuschung. In der Annahme und der Akzeptanz dessen wird das Ego geringer, da es sich einzugestehen hat, dass all sein Verstehen sehr relativiert wird von einem gleichzeitigen Missverstehen. All das, auf das sich das Ego behaupten möchte, ist gar nicht so gesichert. Das Ego verliert seine Sicherheit, wenn es sich eingestehen muss, dass all seine Annahmen Eventualitäten sind. Es wird durchlässiger. Auf jeden Fall wird man einfacher und unschuldiger und in der Unschuld wird die Meditation erst möglich.
Wenn die Widerstände gegen die Ungewissheit meiner Wahrnehmung und meines Verstehens sich auflösen, wird man offener und sensibler für die Möglichkeiten, die sich ausserhalb meines gegenwärtigen Verständnisses befinden. Man wird weniger bestimmt, und festgesetzt, denn der Wissensstand ist noch nicht definitiv. Die arrogante Sicherheit löst sich auf, die gerade im Religiösen den eigenen Zugang zur Wirklichkeit blockiert.
Wenn jemand verliebt ist in eine andere Person, fällt es enorm schwer zu sagen: „Es besteht die Möglichkeit, dass ich dich liebe. Ich liebe dich vielleicht“ Aber es entspricht der Wahrheit, denn im momentanen Zustand kann nicht mehr gesagt werden. Denn wie oft dreht sich diese sogenannte Zuneigung in ganz kurzer Zeit in Hass um…. Wieso der dünnen Spitze des Eisbergs unseres Oberflächenbewusstseins gerade ganz vertrauen? Im nächsten Moment kann die Entscheidung wieder ganz anders aussehen, da im riesigen Bereich des Schattens noch ganz andere Informationen verborgen liegen, die das Handeln dann gezwungenermassen prägen werden.
Ein grosser buddhistischer Heiliger, Mahavira, benützte auch als erleuchtete Seele das Wort “vielleicht” “wahrscheinlich” in jeder Antwort, die er den Fragenden gab, was natürlich jede Aussage relativierte.
Aus diesem Grund hatte er nicht viele Schüler, denn die bedingte Seele möchte Gewissheit, auch wenn es in ihrem Zustand gar nicht möglich ist. So lässt der Wunsch nach Sicherheit alles Gehörte zu einem Konzept versteifen, was die Erfahrbarkeit, die Verwirklichung des Verständnisses natürlich verunmöglicht.
Die Menschen sind schon in einer unsicheren Existenz, in einem ungewissen Leben. Und aus dem heraus will man ein klares und absolutes Glaubenssystem.
Deshalb spricht Krishna in der Bhagavad Gita davon, dass man für die Begegnung mit der ewigen Wahrheit (sanatan dharma) alle Hoffnung aufgeben und alle Schein-Sicherheiten hinter sich lassen muss (sarva dharman parityaja).
Mahavira vermittelte keine Konzepte (das ist ein wichtiger Ansatz im Buddhismus geblieben). Als ihn jemand nach Gott gefragt hat, antwortete er: „Vielleicht“. Aber wenn man ein Gott verehren möchte, der ein „Vielleicht“ ist, dann würde auch das Gebet zu ihm zu einem „Vielleicht“ werden und das gesamte Glaubenssystem, seine Religion wäre eine Idee der Relativität. Aber in den konfessionellen organisierten Religionen sind „vielleicht“ und „aber“ gebannt.
In aller Verwirrtheit und Konfusion des Alltags will der unernsthafte Gottsucher nun einfach Gewissheit und Sicherheit. Er will sich nicht der ewigen Suche nach Gott ausliefern, die ihn zunächst einmal noch in viel existentiellere Unklarheit hineinbringt, in der dann alle bisherigen akzeptierten Grundlagen auch noch zerfallen.
Und so mag der Ursprung des Glaubens noch so heilig und transzendental sein, aber er sucht ja nur ein kleinliches Festhalten, ein verbürgerlichtes Glaubenwollen, das ihm Sicherheit und Schutz, Gewissheit und Sorglosigkeit, letztlich eine Rechtfertigung für seine Anhaftungen im Leben vermittelt – ein gerettetes Leben als eine Bürgschaft für ein gutes Gefühl.
Er will nur ein Gott, der ihn, seine Familie und sein Weinkeller beschützt, und zu dem er beten kann, wenn er gerade nicht mehr weiter weiss und wenn es ihm gerade schlecht ergeht – und will sich nicht von ihm erschüttern und entwurzeln lassen.
Hätte er den Gott nicht, würde er sich einfach verloren und einsam fühlen. Und dafür soll Gott nun sein magisches Pflaster werden.
Echte Heilige geben nicht oberflächlichen Trost und illusionären Mut, sondern zerstören ihn. Sie vermitteln nicht Behaglichkeit und Wohlergehen, sondern eine radikale Kehrtwende, in der man sich selber verliert. Srila Sridhar Maharaja sprach immer wieder davon, „zu sterben, um zu leben“. Wir haben Angst davor.
Wenn wir dieser Angst nicht begegnen, wird die ganze Spiritualität ein Ausweichen vor der Wirklichkeit, ein Einnisten in einer erneuten Illusion – die nun aber noch viel schwieriger zu durchschauen ist, da man ihr einen heiligen Deckmantel umlegte.
Die echte Spiritualität setzt sich bereitwillig dem Vakuum der Ungewissheit aus, und darin wird man zu einem wahren Sucher.
Man ist bereit, selbst alle bisherige Erkenntnis in Frage zu stellen, sämtliche angewohnte Denkvorgänge kollabieren zu lassen. Und es bereitwillig einstürzen lassen. Man will nicht Scheinsicherheit, sondern Wahrheit, und für die müssen alle Hoffnungen und Erwartungen und Ansprüche hinfällig werden.
Es braucht eine Bereitschaft für die Totalität, sonst wird man weiterhin einfach nur kleine Einsichten haben.
Unwissenheit wurde bestraft und ausgenutzt. Deshalb ist man in der materiellen Welt konditioniert, diesen Zustand möglichst schnell zu beenden. In einer solchen Situation greift man verständlicherweise vorschnell zu Schein-Erkenntnis. Wir bezeichnen dieses im Kollektiv der Zivilisation dann als „Bildung“.
Viele neigen dazu, einem begrenzten Urteilsvermögen Raum zu geben, bevor man wirklich versteht…. Die deutsche Sprache nennt dies „Vor-Urteile“, dass der Geist zu Urteilen gelangt und dabei einen Erkenntnisprozess schliesst, bevor er in Verstehen gegründet ist. Die Situation ist nun noch schlimmer, da die vermeintliche Erkenntnis des Vorurteils als Verstehens-Blockade wirkt.
Man muss es aushalten lernen, nicht zu verstehen. Es ist ein Zustand, in dem nichts mehr klar ist und in dem man sich nicht mehr festhalten kann und in dem Unsicherheit und mangelnde Geborgenheit herrschen.
Lieber hält man sich an ein Strohhalm-Konzept fest, das einem vermeintlichen Halt schenkt als sich gänzlich der Ungewissheit auszuliefern. Dies ist einem nie gelehrt worden.
Genau dies aber fordert der echte Gotteszugang.
Krishna hat Verständnis für Verwirrung.
Verwirrt zu sein in einem Zustand von Unwissenheit und Nicht-Verstehen ist aber Faulheit. Auf Gnade hoffen darf man erst, nachdem man alle Eigenkapazität und Bemühung ausgeschöpft hat.
Verwirrung nachdem man verstanden hat, ist eben Ausdruck der Gnade. Es ist das heilige Staunen, das die natürliche Antwort der Seele auf Krishnas unerschöpfliche Unbegrenztheit darstellt.
1.1
Dhritarastra sprach:
O Sanjaya, was taten meine Söhne und die Söhne Pandus, als sie sich an der heiligen Pilgerstätte von Kurukshetra, dem Feld des Dharma, voller Kampflust versammelt hatten?
Die Ausgangslage der Bhagavad Gita ist eine Frage von einem Blinden – das sind wir.
Was ist die Blindheit des Königs? Die drückt er in diesem Vers bereits aus: mamakah – das Verständnis der Verhaftung, dass irgendwelche Dinge oder Personen in dieser Welt einem zugehörig seien. Diese Verhaftung erzeugt Zersplitterung. man denkt, das sei einem zugehörig und das nicht. „Ich gehöre zu dieser Glaubensgemeinschaft (der Hindus, Christen Moslems, Juden) und habe Recht und die anderen sind Aussenseiter.“ Es ist diese Mentalität, die das Symptom spiritueller Blindheit darstellt.
Es geht im Wesentlichen nicht um die domestic questions (die Fragestellungen über das eigene praktische Leben mit seinen Kleinproblemen), sondern immer nur um die Grundfragen nach dem Selbst und dessen Beziehung zu Radhe-Syam.
Wie gelange ich aus der Verwirrung heraus, zu glauben, genau diese Person zu sein? Erst dieses Erfragen bringt einen in die Heimat des unvergänglichen Friedens. Die Detailplanung des praktischen Lebens absorbiert ohnehin zu viel Lebensaufmerksamkeit.
Der Schauplatz des Kampfes ist das Feld des Dharma, das Feld der Bewahrung der kosmischen Ordnung.
Weil sich jeder in seiner Schlachtreihe befindet, erfahren sie einen Enthusiasmus. Es ist ein erstaunliches psychologisches Phänomen, dass der Mensch glaubt, seine Seite sei die Beste.
Dass man sich für ein bestimmtes Lager entscheidet, ist einerseits der Eigennutz des Ego, welches immer nach seiner Selbstüberhöhung strebt, da es keine wirkliche Identität hat.
Doch darunter liegt als Triebkraft die Angst, die Unsicherheit, die Eingeschüchtertheit… deshalb will man sich mit seiner Weltanschauung über diesen armseligen Zustand erheben.
Dieses erste Kapitel schildert dieses Phänomen ausführlich und wie Krishna den spirituell Suchenden erst einmal aus diesem Gefängnis herausheben muss.
Dhritarastra fragt: kim akurvata (was taten sie)? Das ist die Frage, die die Bhagavad gita beantwortet. Was habe ich als menschliches Wesen in dem ganzen Universum zu tun? Was ist meine Aufgabe (nitya-dharma) in dieser Welt von unendlichen Möglichkeiten?
Die Bhagavad Gita beginnt mit einer Frage. Der Anfang aller Praxis ist das Fragen danach. Man kann nur die Wahrheit aufnehmen, die man auch erfragt.
Die Grundfragen des Menschseins haben höhere Priorität als der Kampf um Erhaltung des Alltags.
Würden wir Antworten einfach geliefert bekommen, ohne sie auch wirklich zu erfragen, würde das in Stumpfheit enden. Aus diesem Grund ist es wichtiger, Fragen in sich zu tragen, sie zu kauen, sie auch an uns nagen zu lassen. Das ist wertvoller als tausend Antworten, die gar nichts in unserem Realitätsverständnis bewirken.
Antworten zu erhalten auf Fragen, die man sich nicht wirklich aufrichtig gestellt hat, ist der Grenzpunkt zur Indoktrination. Dort verwandelt sich Philosophie, die Liebe zur Wahrheit, zu Ideologie, einem religiösen Aktionsprogramm.
Heilige Texte provozieren Fragen. Erst wenn diese im Bewusstsein der Seele auftauchen, werden diese heiligen Texte zu Antworten. Das Zusammentreffen eigener Fragen mit den gegebenen und schlüssigen Antworten, generiert das Urvertrauen.
Ohne das dringliche Erfragen ist die Auseinandersetzung ideologieanfällig und führt in die Stumpfheit.
Philosophie ist nicht Unterhaltung Zeitvertrieb. Die Auseinandersetzung mit Grundfragen ist der Urgrund, auf den wir alle Entscheidungen stellen. Deshalb ist es not-wendig auch in einer Welt, in der die Menschen eigentlich schon mit dem Alltag überlastet sind, innezuhalten und die Grundparameter für das Leben zu stellen. Dies ist der Anspruch der Bhagavad gita. Und die Entscheidung ist dann dem Lebewesen überlassen. (18.63)
1.2
Sanjaya sprach:
O König, nachdem Duryodhana über die Heer geblickt hatte, die von den Söhnen Pandus in Schlachtordnung aufgestellt worden war, trat er vor seinen Lehrer und sprach die folgenden Worte.
Duryodhan hat grosse Vorbereitungen getroffen, die Macht über die Welt zu erlangen. Seine Armee ist bei weitem grösser als diejenige der Pandavas und der grösste Krieger seiner Zeit, Bhisma, ist auf seiner Seite. Sri Krishna aber ist auf der Seite der Schwächeren.
1.3
O mein Lehrer, betrachte das gewaltige Heer der Söhne Pandus, welches dein intelligenter Schüler, der Sohn Drupadas, geschickt aufgestellt hat.
Dieser intelligente Schüler heisst Dristadyummna und bei seiner Geburt ertönte eine Stimme vom Himmel und kündigte an, dass er in Zukunft Drona töten würde. Drona, der Guru, wusste dies genau und unterwies ihn dennoch in der Kriegswissenschaft.
Duryodhana als perfekter Diplomat versucht dies nun Drona vorzuhalten, um ihn zu inspirieren, nun ganz intensiv zu kämpfen, da man doch den Kurs noch ändern könne.
Das ist die Mentalität eines äusserlichen Menschen, der die Linien des Schicksals mit grossem Aufwand zu verändern sucht. Drona, der hier das göttliche Prinzip verkörpert, fühlt sich so eingebettet in das Weltgesetz in das Dharma, aufgehoben in das, was geschehen wird, dass er sich nicht zur Aggression aufraffen könnte. Die Freiheit des Lebewesens soll nicht damit verspielt werden in den Änderungen im Äusseren, die bereits feststehen, sondern ist eben der Pfad in die Mitte, zu dem die Gita jede Seele ermutigen möchte. Von dieser Gelassenheit aus ist es nur eine dünne Trennlinie zur Vernachlässigung. Es braucht geistige Wachheit, um diese beiden zu unterscheiden.
1.4
Hier in diesem Heer gibt es viele heldenhafte Bogenschützen, die Bhima und Arjuna im Kampf ebenbürtig sind – grosse Kämpfer wie Yuyudhana, Virata und Drupada.
1.5
Es sind auch andere grosse, heldenhafte und mächtige Kämpfer anwesend, wie Dhristaketu, Cekitana, der tapfere König von Kashi, Purujit, Kuntibhoja, und Saibya
1.6
Dort stehen der gewaltige Yudhamanyu, der äusserst mächtige Uttamauja, der Sohn Subhadras (Abhimanyu), und die Söhne Draupadis. All diese Krieger sind wahrhaft grosse Wagenkämpfer.
Duryodhana hat all die Kämpfer der Armee der Pandavas aufgezählt, um in Drona Kampfeswut zu erregen, damit er in Eifer kämpfen möge. Dann kam ihm ein zweiter Gedanke, dass nämlich Drona die Pandavas eigentlich bevorzugte und parteiisch werden könnte, wenn er zu lange über sie nachdenkt. Deshalb wechselt er schnell den Blickwinkel zurück auf seine eigene Armee.
1.7
O bester der Brahmanas, ich möchte dir zu deiner Information aber auch mitteilen, welches die mächtigsten Anführer meiner Streitmacht sind.
1.8
Es sind dies Persönlichkeiten wie du selbst, Bhisma, Karna, Kripa, Asvatthama, Vikarna, und der Sohn Somadattas, die in der Schlacht alle immer siegreich sind.
1.9
Und noch viele andere Helden sind bereit, für mich ihr Leben zu opfern. Sie alle sind mit den verschiedensten Waffen ausgerüstet, und alle sind in der militärischen Wissenschaft erfahren.
Das Wort tyaktva-jivitah bedeutet, dass sie eigentlich ihren Körper bereits aufgegeben haben. Sarasvati devi inspirierte Duryodhana, die Zerstörung seiner eigenen Armee bereits vorauszusehen.
Krishna sagt das Gleiche ein wenig später auch noch einmal(11.33).
1.10
Unsere Stärke, unter der Führung Bhismas, ist begrenzt. Wohingegen die Stärke der Pandavas, die von Bhima sorgfältig beschützt werden, unermesslich ist.
Der Grund dafür ist, dass Bhisma so viel Zuneigung zu den Pandavas hegt und deswegen nicht motiviert zum Kampfe ist.
1.11
Bitte bezieht nun die strategischen Schlüsselpositionen, und beschützt Bhisma in jeder Hinsicht.
1.12
Bhisma, der grosse heldenhafte Ahnherr der Kuru-Dynastie, blies darauf in sein Muschelhorn. Es dröhnte wie das Brüllen eines Löwen und erfüllte Duryodhana mit Freude.
1.13
Dann wurden die Hörner und Pauken, die Zymbeln, Trommeln und Trompeten plötzlich auf einmal angestimmt, dass es einen gewaltigen Lärm gab.
Damit wird die enthusiastische Kampfbereitschaft, die im Vers 1.1 erwähnt wird, noch einmal unterstrichen. Dhritarashtra befragte Sanjaya, was seine Söhne und die Söhne Pandus auf dem Schlachtfeld machen würden. Bis anhin beschrieb er seine Söhne und geht nun über zu der Beschreibung der Pandavas
1.14
Dann liessen auch Krishna und Arjuna, die in einem grossen Streitwagen standen, der mit weissen Pferden bespannt war, ihre himmlischen Muschelhörner erschallen.
Eigentlich müsste doch, wie auf Seiten der Kauravas, ebenfalls der Heerführer anfangen, das Muschelhorn zu blasen. Aber Krishna ist immer der Anführer, auch wenn er nur der Wagenlenker Arjunas ist. Ein Name Krishnas ist „Acyuta“, „immer Derselbe“.
Manchmal müssen sich Menschen erheben und sich einen Wert geben, indem sie sich einen höheren Posten zuschreiben oder Karriere machen. Krishna ist aber auch als Wagenlenker natürlicherweise das Zentrum vom allem.
1.15
Sri Krishna blies sein Muschelhorn namens Pancajanya, Arjuna in das seine namens Devadatta, und Bhima, der unersättliche Esser und Vollbringer grosser Taten, blies in sein grosses Muschelhorn namens Paundra.
Arjunas Muschelhorn heisst übersetzt „Gottesgabe“. Das wird zu einem zentralen Begriff werden in der Bhagavad Gita.
Wir sind bereits im Besitze von einem göttlichen Geschenk und halten es in den Händen, aber es braucht Ausführungen wie die Bhagavad Gita, damit dessen Bedeutung uns auch bewusst wird.
1.16
König Yudhisthira, der Sohn Kuntis, liess sein Muschelhorn, das Anantavijaya (Sieg ohne Ende) ertönen, und Nakula und Sahadeva bliesen das Sughosa (Süssklingende) und das Manipushpaka (Juwelenband)
1.17 -18
Der König von Kashi, ein grosser Bogenschütze, der grosse Kämpfer Shikhandi, Drishtadyummna, Virata und der unbezwingbare Satyaki, Drupada, die Söhne Draupadis, und die anderen, o König, wie der starkarmige Sohn Subhadras, liessen ebenfalls ihre Muschelhörner erklingen.
In der vedischen Tradition heisst es, dass der Klang des Muschelhornes die heilige Silbe „AUM“ erzeugt. Es ist der ursprüngliche Same allen heiligen Wissens.
Der Anfang des inneren Pfades ist die Bereitschaft, sich dem inneren Kampf zu stellen. In der Aufrufung dieses Klanges drückt die Seele diese Bereitschaft aus.
1.19
Der Klang der Muschelhörner war gewaltig, und da er sowohl im Himmel als auch auf der Erde widerhallte, zerriss er die Herzen der Söhne Dritarashtras.
Obwohl die Armee der Kauravas bei weitem grösser ist, hatte ihr Kampfruf nicht diese erschreckende Wirkung auf die Pandavas. Der Grund ist, dass das Herz der Gerechten, der Pandavas, angstlos und unberührt von äusseren Einflüssen ist, aber der Geist von denen, die gegen das Dharma, das Weltengesetz handeln, immer gestört ist. Jeder trägt einen Gerechtigkeitssinn in sich und ein Anzeichen der Abweichung von innerern Führung ist Aufwirblung der Gedanken.
Allein durch den Klang der Muschelhörner der Pandavas erschreckten die Kauravas, da in ihnen das Gewissen angesprochen wurde, etwas Ungerechtes zu tun. Dann findet man keinen Frieden mehr. Das Böse leidet.
1.20
Da nahm Arjuna, der Sohn Pandus, auf dessen Streitwagen sich die Fahne mit dem Zeichen Hanumans befand, seinen Bogen auf und machte sich bereit, seine Pfeile abzuschiessen. Er blickte über die Schlachtreihe der Söhne Dritarashtras, und dann, o König, sprach er zu Krishna die folgenden Worte.
Nach dieser Einführung beginnt nun der Dialog zwischen Krishna und Arjuna mit dem Wort „atha“ (hier und jetzt), wie auch das Vedanta sutra oder Patanjali yoga sutra, und endet im Vers 18.74 mit dem Wort „iti“(somit).
Solange man noch in den eigenen Schlachtreihen positioniert ist, existiert Kampfeslust – die aber sofort versiegt, wenn man eine andere Position annimmt. Innerweltliches Enthusiasmus zerfällt, wenn man bereit ist, den Blickwinkel der bisherigen Selbstplatzierung zu verlassen.
1.21-22
Arjuna sagte:
O Unfehlbarer, bitte lenke meinen Streitwagen zwischen die beiden Heere, damit ich all diejenigen sehen kann, die sich hier voller Kampfbegierde versammelt haben und gegen die ich in dieser grossen Schlacht meine Waffen richten muss.
Das ist das erste Mal, wo Krishna in der Bhagavad gita erwähnt wird. Und er ist der Befehlsempfänger von Arjuna, der Diener seiner Geweihten. Das hat viel mit dem Gottesbild zu tun, das die Gita vermittelt.
Krishna ist nicht der regierende und befehlende Gott, sondern derjenige, der durch die Liebe seiner Geweihten kontrolliert ist. Er selber lässt sich wirklich auf das Abenteuer des Liebesaustausches ein.
In den meisten Religionen wird ein Konzept Gottes vermittelt, dass er der Grösste, Mächtigste und der Gerechte ist.
Aber die erste Begegnung mit Krishna in der Bhagavad gita ist nicht, dass er regierend auf einem Thron sitzt, dass er die Wesen richtet, dass er der Ursprung von Moral ist, die Schöpfung macht und alles kontrolliert, sondern in der Rolle als Wagenlenker von Arjuna.
Das ist seine spezielle Eigenschaft. Bhagavan wird definiert als derjenige, der die Quelle und die Verkörperung aller Schönheit ist. Alles Schöne kommt von ihm und weist auf ihn hin, da es ein Bruchstück seiner unendlichen Schönheit ist. Er möchte nicht alle kontrollieren, sondern liebt es, seinen eigenen Geweihten zu dienen. Ein Name Krishnas ist „Bhakta-vatsala“, derjenige, der sich müht mit seinen Geweihten, in einen Wettstreit liebenden Austausches zu treten.
Die Botschaft der Gita lehrt, Gott nicht nur als den Mächtigsten und Allumfassendsten zu betrachten, sondern primär als das schönste und dadurch anziehendste Wesen.
Was schenkt man einem Milliardär zum Geburtstag? Wenn jemand schon so viel hat, ist es schwierig, ihn noch zu erfreuen. Was zu schweigen von Gott. Was kann ihn erfreuen? Sri Krishna ist derjenige, der alles besitzt (bhagavan). Er will unsere Liebe und Zuneigung, das, was ihm die Seelen dieser Welt seit unzähligen Leben vorenthalten. Und wenn eine Seele ihm dann wieder ihr Herz schenkt und den sinnlos aufrechterhaltenen Widerstand einstellt, dann gibt er sich selbst dieser Seele und wird ihr Diener. Das erste Mal, wenn man Krishna begegnet, ist er genau darin beschäftigt, seinem Geweihten zu dienen- und das ist es, was er am liebsten tut.
Er ist ein Wagenlenker und kümmert sich um die Arjunas Pferde, massiert sie, bringt ihnen Wasser und füttert sie. Er selber wird nicht kämpfen, sondern will nur der unbedeutende Wagenführer von Arjuna sein.
1.23
Ich möchte mir diejenigen genau ansehen, die sich hier versammelt haben und kämpfen wollen, um dem törichten Sohn Dritarashtras gefällig zu sein.
Ohne diese freiwillige Einwilligung von Seiten der Seele, dass Gott einem in die Mitte aller Dualität hinführen dürfe, würde alle spirituelle Unterweisung nur zu einer intellektuellen Übung zurückgestuft.
1.24
Sanjaya sprach:
Nachdem Arjuna dies sprach, lenkte Krishna den herrlichen Wagen in die Mitte zwischen den beiden Heeren und hielt an.
Die erste Begegnung mit Krishna, mit Gott, in der Bhagavad Gita ist eine erstaunliche: Die individuelle Seele gibt ihm, dem alles-Lenkenden, einen Befehl.
Hier manifestiert Sri Krishna seine bhakta-vatsalyata – obwohl er alle Universen und alles in der Schöpfung lenkt, führt er nun einen Befehl seines Geweihten aus. Das ist die liebende Verbindung zwischen dem Herrn und seinen Geweihten, die ihm alles ergeben haben. Er selbst möchte sich auch ihnen schenken.
Deshalb wird Arjuna hier auch Gudakesa genannt (derjenige, der den Schlaf überwunden hat). Er lebt in der Liebe Gottes und hat deshalb den Schlaf seiner Indifferenz zu Gott überwunden.
1.25
In der Gegenwart von Bhisma, Drona und allen anderen Herrschern der Welt der Welt sprach der Herr: O Partha, sie nur all die Kurus, die sich hier versammelt haben.
Arjuna ist bereit zum Kampf. Er bläst sein Muschelhorn (1.14), das Zeichen des Schlachtbeginns, nimmt seinen Bogen und macht sich bereit, seine Waffen abzuschiessen (1.20). Dann bittet er Sri Krishna, seinen Wagen zwischen die beiden Heere zu lenken, damit er diejenigen sehen kann, die sich voller Kampfbegierde versammelt haben, und gegen die er zu kämpfen hat (1.21-22).
Was bloss wie eine formale Einleitung für Krishnas Belehrungen aussieht, hat, genauer betrachtet, eine wesentliche inhaltliche Bedeutung. Mit dem ersten Kapitel weist uns die Bhagavad Gita auf die Notwendigkeit einer inneren Vorbereitung hin, welche allein es der Seele – vertreten durch Arjuna – überhaupt ermöglicht, transzendentales Wissen aufzunehmen und zu verstehen wie jenes, das Krishna im 2. Kapitel zu erklären beginnt.. Dieses erste Kapitel ist also nicht einfach nur eine historische Einleitung. Und wenn man durch diese Entwicklung nicht selber hindurchgeht, führt die gehörte spirituelle Information nicht zu einer Ermächtigung des Lebewesens – nämlich dass die Seele sich wirklich erheben kann gegen die Tendenzen der Verzettelung in das Äussere und dadurch sich wieder auf das Wesentliche zu beziehen lernt in einer Vereinigung ihres gesamten Wesens – sondern zu einer Selbstentfremdung. Man kann das Gehörte nicht wirklich verstehen, und beschäftigt sich dann nur mit versimplifizierten spirituellen Lehren und Anschauungen. Und diese intellektuell und sentimental übernommene, oberflächliche Spiritualität führt die Seele letztlich zu einer Gottesentferntheit, da man in dieser inneren Diskrepanz von “auswendig-gelernt” und “erlebt” den Bezug zu sich selber verliert. Wenn diese Fühlung zu seinem Innersten nicht da ist, erlebt man eine Trennung von einem selbst und der erhofften Spiritualität, eine unbewusste Abspaltung zwischen dem, was ich mir erhoffe und einbilde und meiner Wirklichkeit. Und die Existenz, die in dieser Abgetrenntheit lebt, wird schwächlich.
Nachdem die Krieger beider Parteien ihre Kampfbereitschaft durch Waffenlärm, Trommel-schlagen, Trompeten- und Muschelhornblasen zum Ausdruck gebracht haben, bittet Arjuna Krishna, ihn zwischen die beiden Heere zu fahren. Er wolle “diejenigen sehen, die hierher zum Kampf gekommen sind.“ (BG 1. 23). Das ist erstaunlich. Schliesslich kennt Arjuna seine Gegner alle persönlich und ist es noch nicht lange her, dass er ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Er mag jetzt wegen der grossen Distanz ihre Gesichter nicht sehen, doch lässt sich mit Recht fragen, wozu das ausgerechnet jetzt noch nötig sein soll.
Als ersten Schritt benötigt es den Wunsch, in die Mitte gehen zu wollen. Zwischen die Polarität der verschiedenen Parteien. Der Schiedsrichter in der Mitte ist derjenige, der keine Position mehr hat, das Geschehen nicht aus der einen oder anderen Warte aus betrachtet (aus dem Begehren oder Abwehren), sondern nur beobachtet.
Inmitten der Schlachtfelder, aus der Neutralität innerhalb der Dualität heraus, konnte Arjuna plötzlich keine Feinde mehr erkennen, und verlor alle bisherige Motivation des Handelns. Das, was einem vorher als Lebensziel geliebt im Herzen lag, erscheint nun plötzlich fahl und leer. Es ist die Entrückung aus dem Alltäglichen, der radikale Bruch, der Moment, wo alles, was ich bisher geglaubt und getan habe, sich als überflüssig und unnötig entpuppt. Viele weichen vor dieser Erschütterung wieder zurück in die Nestwärme des Gewöhnlichen.
In die Mitte der Schlachtfelder zu gehen, bedeutet auch, das vermeintlich „Gute“ und „Richtige“ zu verlassen, die Tradition und die weltliche Religion. Weltliche Religion ist Religion, welche auf die eigene Persönlichkeit abgebucht wird und diese durch mentale Konzepte, Dogmen und Doktrinen und auch sentimentale Berauschung und Verklärung noch verstärkt
Aus der Verwirrung heraus kann eine Wahrheit entstehen, die jenseits von Worten und Geschehnissen liegt, eine Wahrheit, die Zugang zu einer gänzlich anderen Bewusstseinsebene verschaffen kann.
Allerdings ist die in einem solchen Moment von einer Seele erlebte Unsicherheit, welche Zweifel an der Richtigkeit unserer Bemühungen auslöst, ein wichtiger und wesentlicher Antrieb im spirituellen Leben. Es ist ein Impuls, ständig nach dem „wahren Gott“ Ausschau zu halten, und nicht nur in den projizierten Bildern seiner selbst stecken zu bleiben. Darum wird sie auch immer wieder erfahren. Auf eine Phase der Harmonie unserer inneren Kräfte folgt stets einen Zeitraum der Verwirrung und der Unordnung. Fehlt die Disharmonie, drohen trügerische Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit, welche beispielsweise Christus den Pharisäern vorgeworfen hat. Arjuna hat gelernt und weiss, was seine Pflicht ist, vermag jedoch durch besondere Umstände seine Verpflichtung nicht mehr von innen heraus zu erfüllen. Er erlebt die Pflicht als etwas Auferzwungenes, dem er nicht mehr nachkommen mag. Seine Reaktion darauf lehrt, wie der Selbstentfremdung mit göttlicher Hilfe zu begegnen ist.
Die materielle Welt ist ein von Krishna geschaffenes Feld, das den Seelen, die ihn vergessen wollen, eine Möglichkeit gibt, sich in den Dualitäten freiwillig gefangen zu halten. Und da wir so auf die Pole (dargestellt durch die beiden Schlachtparteien) fixiert sind, verlieren wir die Fähigkeit, Ihn, der gerade dahintersteht, unseren ewigen Freund, Sri Krishna, wiederzuerkennen.
“Durch die Wirkung von Begehren und Abneigung, durch die Verblendung der Wahrnehmung in Gegensätzen (Absorbation in der Dualität), fallen alle Wesen von Anbeginn der Schöpfung in Verwirrung.” (Bhagavad-gita 7.27)
Die Ursache für die Verblendung ist, dass wir von den Sinnen auf das gelenkt werden, was angenehm für sie ist, und von dem ferngehalten werden, was die Sinne als unangenehm empfinden. So bekommen wir einen verblendeten Blick auf die Wirklichkeit, weil er durch den Blendspiegel unserer weltlichen Emotionen und der Relativität dessen, was unsere Sinne im Moment gerade als angenehm oder unangenehm empfinden, verzerrt ist.
Aus diesem Grund ist die Neutralität innerhalb der Dualität ein Anfang für die Sicht der Transzendenz.
Aus diesem neuen Standpunkt heraus zerfällt alle bisherigen Handlungsmotivation.
Wenn man aus der eigenen Schlachtreihe herausgetreten ist, in welcher man seine eigene Rolle innehatte, sieht man sich selber in einem ganz neuen Licht. Man erkennt die Beschönigung, die man dem eigenen Leben verliehen hatte, da man immer glaubte, man sei im Recht und gehöre zu den Guten. Das beinhaltet ein Erkennen eigener Schattenseiten, meiner inneren Feinde. Es ist ein Innehalten und Betrachten, wo man wirklich steht.
Nur selten – wenn überhaupt – nehmen wir uns die Zeit, innezuhalten, unser unstillbares Wünschen zu hinterfragen und die leidverursachende Unbeständigkeit unserer Ziele wahrzunehmen.
Krishna führt nun Arjunas Wagen direkt vor Bhisma und Drona (1.25). Dies bedeutet, dass Krishna damit eine bestimmte Absicht verfolgte, denn das Heer bestand aus vielen Millionen von Kämpfern und er hätte ja auch woanders “parkieren” können.
Und dann spricht Krishna die ersten Worte in der Bhagavad Gita:
pasyaitan samavetan kuru – “Schau dir diese Armee der Kurus an.”
Wenn ich dies nur äusserlich verstehe, ergibt diese Aussage keinen Sinn, denn Arjuna bat Krishna bereits zwei Mal, dass er diese Armee sehen möchte (1.21 und 23).
Krishna präsentiert Arjuna genau die beiden Dinge, an die er noch am meisten verhaftet war. Dies bedeutet, Krishna offenbart als erstes unsere Anhaftungen. Bhisma repräsentiert die “Familien-Anhaftung” (das bedeutet, das Verknüpftsein mit dem, was mich umgibt, dem gewohnten Lauf der Tätigkeit, der geglaubten Selbstverständlichkeit und der scheinbaren Sicherheit in die ich mich immer wieder einbette) und Drona ist die “guru-Anhaftung” (der guru kann auch eine materielle Anhaftung sein: wenn ich denke, eine andere Person wird mir automatisch auf magische Weise meine Probleme lösen und ich werde einfach als Zuschauer daneben sitzen können. Oder wenn ich mich zum Beispiel nur an jemanden festklammern möchte, um die Verantwortung meines Lebens abzugeben. Die Trauer der Nichtbewältigung meiner Lebensführung verwandle ich einfach in eine Hoffnung, die ein anderer mir nun erfüllen zu erfüllen hat). Die Guru-Anhaftung verkörpert auch der Glauben, den gegebenen Verheissungen zu folgen und dadurch der eigenen Realität ausweichen zu wollen. Da nun alles gut wird, braucht man sich ja nicht mehr mit dem Unversöhnten in einem auseinander zu setzen.
Am Anfang unseres spirituellen Lebens offenbart Krishna unsere dunklen Stellen, unsere Anhaftungen auf eine solche Weise, dass viele dies nicht ertragen wollen und gleich wieder umkehren. Der Weg der Konfrontation mit sich selbst erscheint ihnen zu mühselig; aber er ist unumgänglich.
Deshalb fühlen viele spirituell Übende, dass sie vor Beginn ihrer Praxis fast ruhiger und innerlich ausgeglichener waren als nachdem sie angefangen haben zu beten und meditieren. Viele Anhaftungen entdecken wir nicht einmal in uns, bis Krishna unseren Wagen genau vor sie hin positioniert und sagt: „Schau“. (1.25)
Die dunklen Tendenzen unseres Geistes waren bisher nur verdeckt.
In der Unbewusstheit eigener Schatten beeinflussen einen diese noch viel kräftiger. Deswegen ist das Bewusstwerden meiner Verhaftungen der erste Schritt ihrer Überwindung. Dämonen sind nur in der Dunkelheit stark – so sind auch die dunklen Tendenzen in mir drin nur so lange wirklich stark, solange sie in der Verdrängung agieren. Wenn ich mich weigere, meine Schattenseiten anzuschauen, werde ich von ihnen bestimmt. Durch mein Begegnen mit ihnen beginnen sie, ihren Einfluss einzubüssen.
Und wenn man sie sieht und erkannt hat, wird man vor die nächste Frage gestellt: will man sich nun stellen oder nicht. Krishna führt den Wagen unseres Lebens, aber WIR müssen kämpfen. Sind wir bereit, das, was uns in dieser Welt am nächsten und am liebsten war, aufzugeben, wenn es einem höherem Ziel im Wege stehen sollte?
Arjuna wollte anfänglich nicht.. Die meisten Menschen wollen dies auch nicht. Deshalb gehen sie nie über das 1. Kapitel der Bhagavad Gita hinaus. Man will auch lieber flüchten und die Herausforderung der Konfrontation mit der eigenen Unehrlichkeit meiden
Arjuna hatte die gute Eigenschaft, dass er ehrlich genug war, sich selber in Frage zu stellen. Anfänglich wollte er fliehen, dann aber besann er sich und hörte Krishna offen zu – jenseits des Bezugrahmens seiner Anhaftung, die sonst das Blickfeld ganz reduziert hätte. Hier lehrt mich die Gita, unabhängig von meinen momentanen Ansichten und Anhaftungen, den ewigen Worten des Herrn Gehör zu schenken. Es ist das Prinzip des “offenen Hörens”. Tageseindrücke, Sorgen und Probleme, die ein Grossteil unseres Bewusstseins ausmachen und die Wahrnehmung einschränken, darf man einmal auf die Seite legen und nicht gerade aus der Begrenztheit her werten, urteilen und reagieren.
Arjuna hat sich so lange Zeit vorbereitet gehabt auf diese Schlacht – er erhielt Pasupati, göttliche Waffen von Devas, Segnungen von den Rsis (Heiligen) im Wald, und so lange Zeit der eigenen Übung – aber in dem Moment, wo er mit der Wurzel seiner Anhaftungen konfrontiert wird, ist alles wie weg. Auch wir tätigen viel spirituelle Übung und auch wir werden vor die Frage gestellt, ob sich das Realitätsverständnis wirklich verändert hat – sonst sind auch all die Jahre unserer spirituellen Übung wie weg, vergeblich, speziell in den essentiellsten Momenten unseres Lebens.
Krishna addressiert in seinen ersten Worten (BG 1.25) die Krieger nicht als “Söhne Dhrtarastras”, sondern “Söhne Kurus”, womit Er auf die gemeinsame Verwandtschaft der beiden Parteien hinweist. Die Seite Duryodhanas ist lediglich der Schatten einer verweltlichten religiösen Kultur. Alle Seelen haben den gleichen Ursprung, wir sind eng miteinander verwandt – über unseren Vater. Das Gefühl des vasudevam kutumbakam (“alle Lebewesen sind meine Familie und ich lebe in universeller Verwandtschaft”) darf von der erwachenden Seele nachempfunden werden, denn erst die Gelöstheit innerhalb der Spannungen aller menschlichen Beziehungen, erlaubt es der Seele, sich auf Tieferes zu besinnen. Alles spirituelle Bemühen ist wertlos ohne dieses geschlechts-, rasse-, und Lebensform überspannende Geschwisterlichkeits-Gefühl.
Ein Guru fragt die Schüler, woran man den Zeitpunkt zwischen dem Ende der Nacht und dem Anfang des Tages erkennen könne.
„Sobald man aus der Ferne ein Schaf und ein Hund unterscheiden kann“. „Nein“, ist seine Antwort. „Sobald man Handlinien auf der eigenen Hand erkennt“. „Nein“
„Wenn die Welt wieder farbig wird“. „Nein. Aber wenn du alle Wesen als deine Brüder und Schwestern verstehst, dann ist das der Anfang des Tages. Vorher ist es noch Nacht.“
“Jemand, der Verehrung ausführt, jedoch nicht versteht, dass der Höchste Herr als Paramatma im Herzen eines jeden Lebewesens weilt, muss in Unwissenheit sein und wird mit jemandem verglichen, der seine Opfergaben der Asche darbringt.
Jemand, der Mir Achtung erweist, aber irgend einem anderen Wesen gegenüber noch Groll empfindet, erreicht niemals inneren Frieden.
Als das lodernde Feuer des Todes verursache ich grosse Angst in jedem, der aufgrund einer unterscheidenden Betrachtungsweise zwischen sich und anderen Lebewesen den geringsten Unterschied sieht.” (Srimad Bhagavatam 3.29.22-23, 26) (Siehe auch Matt 5,24)
1.26
Da erkannte Arjuna, der mitten zwischen den Heeren beider Parteien stand, seine Väter, Grossväter, Lehrer, Onkel mütterlicherseits, Brüder, Söhne, Enkel, Freunde und auch seine Schwiegerväter und seine Gönner.
Wenn Krishna einem den Hinweis schenkt, genauer hinzuschauen, erkennt man, wie die Verhaftungen eigentlich wesentlich grösser sind, als man angenommen hätte. Die meisten Menschen leben in Idealisierungen ihrer selbst.
1.27
Als der Sohn Kuntis, Arjuna, all diese verschiedenen Freunde und Verwandten sah, wurde er von Mitleid erfüllt und sprach voll Traurigkeit:
Die Ich-Struktur eines Menschen konstituiert sich aus den Dingen, die einen umgaben – die Familie, die Erziehung, die Sozialisierung, die Umwelt. Das Ich ergab sich aus den eigenen Anhaftungen heraus. Spirituelle Traditionen haben erkannt, dass dieses übernommene Gebäude nichts zu tun hat mit wahrer Identität. Das Identitätsgefühl, welches sich aus der Umgebung her formte, darf zusammenstürzen. Diese Selbstdistanzierung vom geglaubten Selbstbild ist ein notwendiger erster Schritt, welcher nicht übersprungen werden darf. Dann erst kann die wahre Individualität der Seele hervor scheinen.
Als Arjuna zwischen den beiden Schlachtreihen war, trat er einen Schritt zurück aus der Perspektive der Verhaftung und eine gänzlich neue Sichtweise tauchte auf.
Krishna fordert Arjuna auf, nicht wörtlich seine Familie oder sein Lehrer zu töten, sondern das Ich-Gefühl, welches aus ihnen erwachsen ist, sterben zu lassen. Das ist der Beginn der Bhagavad Gita. Loslösung aus der Ich-Begrenzung ist der erste Schritt, damit sich universale Liebe manifestieren darf, die anders ist als die manifestierte Verhaftung, welche nur ausgesuchte Objekte zu lieben glaubt. Krishna hat Arjuna seine Verhaftungen vor Augen geführt, damit er sie aus dieser Bewusstwerdung heraus überschreiten kann und zu dem werden, was seine innerste Bestimmung ist.
Das Ich stellt sich immer Alpträume, Horrorvisionen und Schreckensgespenster und riesige vor, was einem erwarten würde, wenn man ein wenig über es hinausgehen würde. Der Kontrollverlust ist aber ein ganz wesentliches Durchgangstor. Bei vollstem Bewusstsein darf man das schier unmögliche Tun: getrost einen Schritt weiter gehen.
Man widersetzt sich, weil die Angst zu gross ist und weil man Widerwille hat, und weil man den Geschichten mehr glaubt als der Hand, die einen gereicht wird.
Die Erlangung der Leidensbewusstheit ist eine wesentliche und nicht zu umgehende Stufe des inneren Weges.
Ab diesem Punkt entfaltet sich der Dialog zwischen Krishna und Arjuna.
1.28
Arjuna sprach:
Mein lieber Krishna, beim Anblick meiner Freunde und Verwandten, die mit solcher Kampfbegierde vor mir stehen, erschlaffen meine Glieder, und mein Mund trocknet aus.
Jede Seele begegnet angesichts der Perspektive zur unbegrenzten Hingabe erst einmal einem Schrecken, welcher einen wieder zurückkehren lässt in die Verengung und ins bekannte Eingebettetsein seiner alten Welt.
Wenn man durch Gnade wieder an diesen Punkt geführt wird, ist man sich gewahr, dass der Schrecken auftauchen wird und man hat gelernt, dass man ihm nicht Folge leisten muss.
Man lässt sich auf die Ausdehnung allen Selbstgefühls durch die Gottes-Hingabe ein.
Wo führt denn das hin? Wo ist die Grenze?
-Es hat keine Grenzen mehr. Es bedarf nicht eines Ortes, welchen der Verstand fassen und kontrollieren kann, um sich sicher und zuhause zu fühlen.
Auf dem inneren Weg beginnt man Grundfesten, auf der die ganze innere Welt aufgebaut ist, in Frage zu stellen, zu erforschen – und was stellt das für eine Erleichterung dar, sie einstürzen zu lassen. Man wird nun erleben, dass das, was früher die sakrosankte Weltperspektive war, eigentlich nur eine unglaublich schwere Last darstellte.
1.29
Ein Zittern durchläuft meinen Körper und mir sträubt sich das Haar.
Mein Gandiva-Bogen gleitet mir aus der Hand und meine Hand brennt.
Das entgleiten seiner Waffe ist das, was die Vorbereitung für jegliche Transzendenz darstellt: es bedeutet die Disidentifizierung mit der bisherigen Rolle. Das bisherige „Ich“, welches sich konstituierte aus der Vergangenheit (Erziehung durch Bhishma und Ausbildung von Drona) darf zusammenfallen, wenn man sich spiritueller Wahrheit stellen möchte. Ewige Wahrheit kann nicht einfach in das System der Anhänglichkeit an das Alte integriert werden. Dieses erste Kapitel beschreibt die tiefe Erschütterung in der Psyche des Menschen, wenn die gesamte bisherige Identifikation auseinander bricht.
Arjuna glaubte, seine Bestimmung (sein Dharma) physisch aufgeben zu müssen, und nicht innerlich. Das ist der Beginn seiner Zerrissenheit.
1.30
Ich vermag nicht mehr aufrecht zu stehen und mein Denken wirbelt durcheinander. Ich entdecke unglücksverheissende Omen.
In spiritueller Gemeinschaft, speziell von fortgeschrittenen Seelen, machen viele Menschen die Erfahrung, in einen Zustand grundlegender Verunsicherung zu fallen.
Das ist ein interessanter Zustand, in dem Vertrauen im Sinne eines “Sich-Anvertrauenes” entstehen könnte. Aber oft ringt man einfach um Fassung, also um Selbstvergewisserung im Sinne von “ich bin doch etwas”, und die Chance ist vertan.
“Sri Krishna, ich freue mich auf weitere Verunsicherungen und Erschütterungen”.
Sri Krishna erklärt diese Abgetrenntheit von seinem eigenen Selbst, und den Ängsten und Sorgen, die damit verbunden sind, im Srimad Bhagavatam “Wenn ein Atma sich von mir abgewendet hat, dann vergisst er, wer er selber ist und hält sich für das Gegenteil von dem, was er ist (asat acit und nirananda). Er überträgt sein Identitäts-Bewusstsein auf den Leib und den Geist, den ihm maya, meine äussere Energie, liefert.
Sich selbst vergessend, in dem unwahren Ichbewusstsein, versunken in etwas “Zweite”, das er gar nicht ist, erfasst ihn Furcht um des Wohl seines unsteten unwahren Ichs willen.” (11.2.37)
In der existentiellen Krise, in welcher er nun auch gar nicht mehr geheilt werden soll, wird das Erkennen der Dringlichkeit für die Zuwendung für das Heilige geboren, und erst da wird es dem hobbymässigen Interesse enthoben und in eine Lebensbestimmung gewandelt.
Diese Seins-Verunsicherung ist ein wunderbares Tor, das die meisten Menschen der Welt negativ einstufen, aber das “Ich” (das, mit dem man sich bisher identifizierte) SOLL sich unsicher fühlen. Es weiss im Kern ganz genau, und spürt es latent, dass seine als so wirklich angesehene Realität falsch ist.
Deshalb tätigt es eine beständige Anstrengung, Meinungen und eigene Ansichten zu vertreten, um immer wieder die Position des Ichs zu verteidigen und zu definieren. Das “Ich” ist nur ein Zusammentragen von leeren Identifikationshüllen, zusammengesetzt aus unserem Sicherheitsbedürfnis heraus. Aufgehobenheit wäre effektiv in der Absorption in Gott erfahrbar, aber nun wird versucht, sie auf die durch oberflächliche Wünsche geschaffene Scheinwelt zu übertragen. Und Angst ist die Folge.
Die gesamte existentielle Seins-Unsicherheit wird nun ersetzt und überdeckt durch eine Scheinsicherheit, welche man in der Welt zu etablieren versucht. Doch genau in diesen Versuchen verleugnet und ignoriert man die Tatsache, dass dies alles zum Scheitern verurteilt ist, denn man verliert alles, was man festhalten kann. Alles, für das wir uns anstrengen müssen, es nicht zu verlieren, ist eine Investition in eine vergebliche Mühe – ist bereits verloren.
…und man verbringt viele Leben damit, vermeintliche Sicherheit zu finden. Ein Leben aber, das sich nur um Tun und Festhalten dreht, ist sehr armselig, denn es vermeidet ewige Wahrheit.
Man ist solange verunsichert, wie man nicht wirklich weiss, wer man ist (svarup jnana).
Sanatan Goswami fragt Caitanya Mahaprabhu: “Ich weiss nicht, wer ich bin und was ich
hier soll?”
Wenn man im tiefsten Wesenskern diese in einem noch offene Frage zulässt, erhebe man sich über die Wolkendecke des bedingten Denkens.
Es ist der Beginn der Kapitulation der vermeintlichen Identifikationen.
Der Spalt des Zweifels ist glücklicherweise geblieben im weltlichen Leben, obwohl man ihn seit Urzeiten zu asphaltieren versuchte.
Es ist gnadenreicher, sich an diese existentielle Seins-Unsicherheit zu erinnern und ständig darüber bewusst zu sein. Wir aber investieren einen Grossteil unserer Lebensenergie darin, sie heilen zu wollen. Diese Heilung wird aber immer unvollständig sein. Man muss ganz tief in einem zulassen, dass man nicht geheilt werden muss und soll, denn die Verunsicherung ist noch die einzige Erschütterung in einem zu eingebetteten Dasein.
Spirituelles Leben ist nicht nur von der Theorie zur Praxis, sondern noch viel tiefer: von der Theorie zur Wirklichkeit, zu Gott.
Und dafür ist Erschütterung notwendig. Die Grundfesten zur Welt müssen schwanken und zusammenbrechen.
Aber der menschliche Geist – voll gestopft mit spirituellem Wissen – flüchtet davor und versucht mit geistiger Wendigkeit immer neue Schleichwege zu finden sich in seiner weltlichen Geborgenheit zu wahren.
Wer nicht bereit ist, sich erschüttern zu lassen wird immer kleine Einsichten haben, ein kleines Verstehen, kleine Freuden und Erleichterung von der Welt- aber die wirkliche Frucht – die direkte Begegnung mit Krishna – wird ihm verborgen bleiben.
Eine ehrliche Seele zu sein bedeutet da: „Ich bin im Moment der Verzweiflung – im Wissen, dass ich immer wieder in eine Sackgasse gelaufen bin.“ Es einmal zulassen und bis in die letztliche Konsequenz eingestehen: “Ich habe mir bisher immer glaubhaft versichern lassen – von meinem Geist – dass es wieder neue Auswege gibt – von der Konfrontation mit meiner gesamten falschen und so real geglaubten Wirklichkeit.
Verbindung zu den nächsten Versen:
In den nächsten 15 Versen legt Arjuna ethische, stategische, religiöse, kulturelle und persönliche Ausreden vor, sich der Absicht Krishnas zu entziehen. Die Vorwände haben eines gemeinsam: sie entspringen der Ich-Perspektive, welche die eigentliche Verschleierung zur Wirklichkeit hin darstellt.
1.31
Ich sehe nicht, wie etwas Gutes entstehen kann, wenn ich in dieser Schlacht meine eigenen Verwandten töte. Ich verlange nicht zu siegen und wünsche mir weder Herrschaft über ein Königreich noch Wohlleben und Vergnügen.
1.32-34
O Govinda, was nützt uns ein Königreich, Glück oder sogar das blosse Leben, wenn all jene, für die wir dies begehren, jetzt in Reih und Glied vor uns auf dem Schlachtfeld stehen?
O Madhusudana, Lehrer, Väter, Söhne, Grossväter, Onkel mütterlicherseits, Schwiegerväter, Enkel, Schwäger und andere Verwandte sind bereit, ihr Leben und ihre Besitztümer aufzugeben, und zu kämpfen. Selbst wenn sie mich töten, habe ich dennoch keinen Wunsch, sie zu töten.
1.35
O Erhalter aller Lebewesen, ich bin nicht bereit, mit ihnen zu kämpfen, nicht einmal wenn ich dafür die drei Welten bekäme, und erst recht nicht für irdische Macht. Welche Freude werden wir daraus ziehen, wenn wir die Söhne Dritarashtras töten?
Man lebt ja jetzt gut auch ohne die Dinge, die wir nicht besitzen. Die Knappheit und das Nichthaben ist weniger Leid wie der Schmerz des Verlustes, nach dem man die Dinge besessen hatte. Das ist das Drama der Gier. Man hat viel Arbeit, Dinge zu besorgen oder zu erwerben, dann hat die Angst, sie wieder verlieren zu können und letztlich bleibt man zurück mit dem Kummer und Herzweh des Verlustes.
Arjuna denkt sich, wie viel einfacher das Leben ohne Gier sein könnte.
1.36
O Madhava, es ziemt uns nicht, Dritarashtra und unsere Verwandten zu töten. Würden wir sie ermorden, wie könnten wir dann noch glücklich sein?
1.37-38
O Janardana, diese Männer, von Habgier geblendet, mögen keinen Fehler darin sehen, die eigene Familie zu töten oder mit Freunden zu streiten. Sollten wir uns nicht entschliessen, eine solche sündliche Tat zu unterlassen, da wir sehen können, welches Verbrechen es ist, eine Familie zerstören, und solche Taten der Sünde begehen?
Viele Menschen folgen einer religiösen Tradition. Für einige aber beinhaltet dies nicht eine effektive Ausrichtung auf Gott in jedem Augenblick des Lebens, sondern eher eine soziale Formalität, eine Konvention. Man bezeichnet sich so und so, geht von Zeit zu Zeit in eine Kirche oder einen Tempel und empfindet den religiösen Raum als angemessener Übergangsritus für die Schwellenmomente des Lebens wie Geburt, Heirat oder Tod. Für sie ist die Religion eine Stütze und eine zusätzliche Hilfe für ihre eigene Lebens-Agenda.
Krishna bringt Arjuna in eine intensivste Lebenssituation, wo selbst die angestammte Religions-Lebensstütze gefällt werden muss. Er will in Arjuna ein radikalster Bruch mit allen bisherigen Lebensspuren und Arten der Weltbetrachtung einleiten.
Dies ist der Beginn eines Heimweges.
1.39
Mit der Zerstörung der Dynastie wird die dharmische Tradition (die Kenntnis der ewigen Menschenrechte) vernichtet, und wenn ist die Ordnung einmal geschwunden, überkommt Gesetzeslosigkeit und so verdirbt das ganze Geschlecht.
1.40
O Krishna, wenn Orientierungslosigkeit (das Fehlen des Dharma) in der Gesellschaft vorherrschend wird, werden die Frauen sittenlos. Und somit werden varnasankaras (unerwünschte Nachkommen) geboren.
1.41
Wenn die unerwünschte Bevölkerung zunimmt, verursacht dies sowohl für die Familie als auch für diejenigen, die die Familienordnungen zerstören, ein schreckliches Dasein. Die Ahnen fallen ebenfalls (von Pitriloka), weil die Zeremonien, in denen man ihnen geweihte Speise und Wasser darbringt, vollständig eingestellt werden.
Wesen, die zu sehr an ihrem Körper, den Errungenschaften des Lebens (an dem, was sie aufgebaut und besessen haben) haften, oder den Körper in einem unbewussten Zustand verlassen (unter Drogen oder Schmerzmittel) und auch Personen, die das Dharma, die ewigen Gesetze, missachteten (die Umwelt oder Mitgeschöpfe ausbeuteten), werden nicht sofort wieder inkarniert und erhalten einen Geist-Körper. Darin nehmen sie zwar ihre Umgebung, in welcher sie gelebt haben, wahr, vermögen aber nicht auf sie einzuwirken. Sie haben Wünsche und Bedürfnisse, aber nicht die Möglichkeit eines Körpers, diesen Ausdruck zu verleihen. Um solche Wesen von diesem schrecklichen Dasein zu befreien, gibt es in der vedischen Kultur bestimmte Zeremonien (Sraddha), die von den Nachfahren dargebracht werden können. Dies geschieht meistens in Form einer Darbringung von zu Sri Vishnu geweihter Speise (Prasadam). Das ist eine weltliche Weihehandlung, um Verstorbenen von einem Dasein als Geist zu befreien und ihnen sogar Zugang zu einer höheren Sphäre, Pitri-loka, zu verschaffen. Dort können sie zeitweiliges Glück geniessen, was ja für die meisten inkarnierten Seelen identisch ist mit Lebenserfüllung.
Pitri-loka ist ein Ort in der Dimensions-Sphäre von Bhuva-loka, wo man auch mit den Ahnen zusammenleben kann.
Das ist in vielen religiösen Vorstellungen der Himmel. Doch nur schon auf die Sphäre von Svarga-loka zu gelangen, die wirklich himmlischen Planeten, muss man die naive Vorstellung der Familienzugehörigkeit in seinem Bewusstsein ablegen.
1.42
Durch die üblen Machenschaften derer, die die Familientradition zerstören und somit die Entstehung unerwünschter Kinder verursachen, gehen die zeitlosen Familientraditionen und das Dharma der Geburt (pflichtgemässe Tätigkeiten für das Wohl des eigenen bedingten Selbstes sowie auch der Gesellschaft) verloren.
1.43
O Krishna, ich habe von Autoritäten gehört, dass diejenigen, welche das kula-dharma (das zeitweilige Dharma, die Familienordnungen) zerstören, werden selber für lange Zeit in qualvollen Umständen residieren.
Alle haben schon irgendwann irgendetwas gehört. Das Problem ist, dass man die Unvollständigkeit bereits für die Wahrheit hält und somit stagniert.
Das, was sich als Wissen ausgibt, aber eigentlich noch vermischt ist mit Eigeninteressen, ist schwieriger zu entlarven. Es ist Scheinwissen. Halbwissen ist nicht mehr als die Unwissenheit. Es proklamiert sich nur als die Erkenntnis selber. Das Nicht-Erkennen, dass man an der Unwissenheit und dem Halbwissen leidet, ist der Garant für ihre Fortsetzung.
Unter der Arroganz des Halbwissens verbirgt sich meist eine Verzweiflung… nämlich, dass es nicht standhält und realitätstauglich ist, wenn es durch Lebensmomente wirklich geprüft wird.
Diese Verzweiflung hat sich resigniert damit abgefunden, auf dem spirituellen Weg einfach nur zu praktizieren, aber eigentlich sehr weit von einer effektiven Verwirklichung entfernt zu sein. Man macht einfach mehr und mehr Übungen, im Glauben, dadurch transzendente Zustände zu erreichen. Man nennt dies auch die magische Entwicklungs-Stufe der Religion. Darin imitiert man bestimmte vorgegebene Verhaltensweisen in der Erwartung, dass sich die Umstände dann automatisch verändern werden. Irgendwann spürt man, dass es eine Sackgasse war. Nur schon die gänzliche und widerstandslose innere Annahme dieser Einsicht würde eine ungeheure Wachheit bewirken.
Halbwahrheit ist schlimmer als reine Unwissenheit, da man glaubt, sie sei Erkenntnis.
1.44
Ach, wie seltsam ist es, dass wir uns anschicken, schwere Sünden zu begehen. Getrieben von dem Wunsch, königliches Glück zu geniessen, sind wir selbst bereit, unsere eigenen Verwandten zu töten.
1.45
Es wäre besser für mich, wenn ich auf dem Schlachtfeld unter den Waffen der Söhne Dritarashtras unbewaffnet sterben würde, ohne Widerstand zu leisten.
Arjunas Argumente sind nicht falsch, aber sie entspringen einer selbstsüchtigen Motivation der eigenen Verblendung. Sie verdecken eigene Verhaftung mit der Rede schöner Prinzipien.
Einem Richter, der in seinem Leben viele Schuldige zum Tod verurteilte, wurde sein eigener Sohn vorgeführt, als dieser einen Mord begangen hatte. So war es nun seine Aufgabe, seinen eigenen Sohn zum Tode zu verurteilen. Aber nun zögerte er. „Das Todesurteil ist ganz unmenschlich. Eine solche Strafe aufzuerlegen, ist des Menschen nicht würdig. Dem Schuldigen wird dadurch jede Möglichkeit genommen, sich zu korrigieren. Der Mörder tötete im Aufruhr der Gefühle. Ihn dann, wenn seine Vernunft zurückkehrt, kühl und ruhig zur Hinrichtung zu führen und zu töten, ist eine Schande für die menschliche Gesellschaft, ein grosses Verbrechen.“
Hätte nicht sein eigener Sohn so vor ihm gestanden, hätte dieser Richter für den Rest seines Lebens Menschen so gerichtet, wie er es bisher gewohnt war. Aus Teilnahme an seinem eigenen Sohn, argumentierte er nun so. Dies war aber nicht die Stimme seines innersten Selbstes, seine tiefsten Überzeugung, sondern sie war aus Bindung geboren.
Die schönen Worte entsprangen dem Konzept „ich und mein“.
Das ist der Kern, an welchen Krishna jede Seele hinführt. Alle schönen Worte zerfallen in dieser Erschütterung und man wird in die existenzielle Krise hineingeführt.
Krishna fordert nicht zu Gewalt auf, aber er konfrontiert jede Seele mit den grössten Extremsituationen, denn erst darin zeigt sich, ob die eigene spirituelle Überzeugung Bestand hat.
1.46
Sanjaya sprach:
Als Arjuna so gesprochen hatte, setzte er sich in seinem Streitwagen nieder, liess seinen Bogen und Pfeile fallen, und sein Herz war von Kummer erfüllt.
Das ist die Ausgangslage der Selbstverwirklichung. Anfangs war er voller Kampfeslust (1.1), und kampfbereit (1.20) und nun in einer solchen existentiellen Verzweiflung. Visada-yoga, das Yoga der Verzweiflung, besteht darin, dies einmal anzunehmen, effektiv zu kapitulieren.
Wer sich von der Umklammerung des bisherigen Moral- und Religionsverständnis befreit, kann wirklich eine Initiation bekommen.
Das Ego braucht die Einsicht in seine Machtlosigkeit.
Es muss die Macht wieder abgeben, die es einfach in Beschlag genommen hat und damit das Leiden geschaffen hat. Das weltliche Ich, welches sich selber profilieren will, macht aus Religion einen Kult, einen Ego-Kult. Es ist eine Selbstdarstellung, die sich mit Ewigen schmücken will.
Wenn das Ego gedemütigt wird und sieht, dass es in Wirklichkeit sehr klein ist, dann ist das der Beginn der Anerkenntnis der Allmacht Gottes, die Wiederentdeckung der Ehrfurcht.
Es ist die Arroganz des Ego besteht darin, sich mit fremden Federn zu schmücken, indem es sich eine Grösse verleiht, die es in Wahrheit nicht besitzt.
Die eigenständige Machtidee des Ego muss zerstört werden. Die Kraft darf wieder dem zurückgegeben werden, von wem sie stammt: von Gott.
In der Entwicklungsphase des Kleinkindes beginnt das Ego zu glauben, dass es magische Kräfte besitzt. Das Kind hat Hunger und die Mutter kommt und gibt ihm etwas zu essen. Das Kind schreit und die Mutter kommt, es zu wiegen. Das Kind ist müde und die Mutter kommt und bringt es ins Bett. Und in diesem Moment entsteht das magische Denken des Ego, so als würde „ich“ es machen. Das Ego denkt: „So läuft das hier also… ich mache die Welt, ich mache die Dinge, ich bin es, der hier der Herr im Hause ist.“
Und es entsteht die Täuschung des Kausalzusammenhanges, der in Wirklichkeit nicht existiert. Dieses magische Denken ist es, welches in jedem Ego das Fundament des Weltbildes ist.
Die Macht muss aber wieder abgegeben werden. Ein bewusstes Zugeständnis an die Machtlosigkeit. Das ist etwas ganz anderes als die „Erfahrung der Machtlosigkeit“, welche nur ein resignierter Machtwunsch darstellt.
Die Stimmung des echten Aufgebens als Beginn einer tieferen Fragestellung ist das Resultat von vishada yoga.
Wenn dieses “ich” – ein System bestehend aus mentalen Konstrukten, Hoffnungen, sozialen Vereinnahmungen und angewöhnten Konzepten konfrontiert wird mit dem nitya dharma (meiner eigentlichen und wichtigsten Aufgabe), beginne ich zu erahnen, dass das gesamte “ich” nur eine Einbildung war, an die ich mich eigentlich überflüssigerweise festhalte.
Durch diese Erkennen ist das System aber noch nicht aufgelöst und zerstört, sondern nur aufgeschreckt, erschüttert.
Resignation ist nicht Aufgabe (Ergeben) – es ist nur Widerstand, der für einen Moment so schwach geworden ist, dass der Kampf kurz brachliegt. Es ist brachliegender Widerstand. Resignierte sind oft starre und hartnäckige Widerständler.
Ein westlicher Gelehrter ist einmal bei einem indischen Guru in den Ashram gezogen, um sich von ihm unterweisen zu lassen. Es war Monsunzeit und der Guru wies ihn an, den ganzen Tag im Regen zu stehen mit ausgebreiteten Armen. Abends fragte er ihn, wie er sich fühle. „Wie der grösste Trottel“. „Das ist doch schon eine erstaunliche Verwirklichung für den ersten Tag.“ Das ist vishada-yoga.
Arjuna spricht aus dem Standpunkt der Tugend, aus der weltlich gesehen höchsten Moral. Aber Krishna möc seine Weltzugewandtheit, seine Illusion in einen anscheinend spirituellen Mantel, den Krishna aber sofort wieder auflöst. Arjuna spricht anscheinend spirituelle Philosophie, aber es ist nur verpackte Verhaftung.
Man mag sich sicher fühlen in seiner Umgebung. Aber wenn alle bisherigen vermeintlichen Sicherheiten wegfallen, fällt der Umhang der Gefasstheit weg und die darunter liegende Orientierungslosigkeit kommt zutage. In der Extremsituation bleibt plötzlich nur noch Verwirrung übrig.
Selbsterforschung in extremen Wetterlagen – genau darin zeigt sich das Wirkliche. Das erste Kapitel lehrt, wie eine Seele auf ihrem Weg zuerst einmal die gewohnte Positionierung ihrer Schlachtreihe aufzugeben hat und sich in die Mitte der Pole der Dualität führen lassen darf.
Darin zerfallen erst einmal alle bisher angenommen Sichtweisen und Wertzuschreibungen seiner selbst. Wenn diese äussere Form der Fassung wegfällt, taucht erst einmal Verzweiflung auf. Wenn man diese aber nicht gerade wieder heilen möchte an der Oberfläche, sondern sich in sie hineinfallen lässt, entsteht ein Raum innerster Verletzbarkeit – das heisst Empfänglichkeit für Transzendenz.
Relevanz des ersten Kapitels: Die Grundlage
In der Bhagavad Gita will ja Arjuna lieber unter Bäumen meditieren, als sich der Welt (dem Schlachtfeld) stellen. Krishna führt ihn aber aufs Schlachtfeld und will seinen Wunsch nach Weltflucht (zu glauben, man würde die Welt überwinden obwohl man sich ihr noch nicht einmal gestellt oder wirklich ausgesöhnt hat) nicht akzeptieren.
Tatsächlich findet man in gerade religiösen Gruppen unzählige Menschen, die sich nicht wirklich auf das Leben in der Welt einlassen können und wollen. Ihre Glaubensanschauungen geben ihnen sogar noch die Legitimation zu glauben, sie seien bereits über die materielle Welt erhaben. Wenn dies vor der effektiven Versöhnung mit allem in der Welt geschieht, wird nicht Transzendenz die Erfahrung, sondern eine tiefe Spaltung zwischen dem Heiligen und dem Weltlichen. Nicht die Klarheit der Integration, sondern verwirrte Schwachheit ist die Folge.
Eine tiefe Sehnsucht nach Befreiung aus dem Körper und der eigenen Psyche steckt aufgrund der Leiderfahrungen und der Gefangenheit in ihnen in jedem von uns. Da ist die Sprache der Religion geradezu verführerisch: sie spricht von einer absolut heilen Welt, von einer überirdischen Liebe und Lieblichkeit. Die Faszination religiöser Bilder und die Anziehungskraft spiritueller Weisheiten legitimieren einen das Nichteinlassen mit der Welt. Denn wer möchte sich angesichts solcher Verführungen ins Schöne und wunderbar Gute noch der schweren Arbeit stellen, sich mit der Welt zu versöhnen? Diese Verlockungen führen die Seele nicht in die eigentliche Selbstbegegnung, sondern entheben sie ihrem momentanen Standort und entrücken sie in eine Schein-Lichtwelt. Wenn man nun darin wandeln möchte, braucht es eine konstante Anstrengung, sich die Bedrohung der Welt und ihren Versuchungen fernzuhalten. Das bedeutet, dass man im Paradigma des Kampfes anhängt.
Darin erlangt man niemals innerem Frieden, denn man ist von der Zerrissenheit der Überzeugung geprägt, dass “Geist” und “Materie” unvereinbar seien. Die Folge ist Angst vor tiefer Nähe und Verbindlichkeit, denn das Zeitweilige ist nur Verblendung, und die Anziehung, welche man zu ihr hin spürt eine Zuflüsterung des “Bösen”. Die Religionen fördern diese Zerrissenheit noch weiter, indem sie dieses Nichteinlassen-Können in die Welt als die Tugend der “Losgelöstheit von der Welt” preisen. Und schon ist man mit unglaublichen Schuldgefühlen belastet, da man in seinem Innersten halt doch auch noch Weltzugewandheit spürt. Doch das Thema der Schuld ist eine Manifestation eines disfunktionalen Gottesbildes, welches ein Gott vermittelt, der einen die Welt nicht gönnen vermag. Krishna spricht in der Gita als Kontrast dazu sogar von einem Glück in der Welt, welches ausserhalb der Beziehung zu Gott möglich ist. (Bhagavad Gita 14.9).
Das erste Kapitel der Bhagavad Gita weist die Seele an, zuerst einmal in die Dualität hineintreten (inmitten der Schlachtreihen), und sich dem Mensch-sein mit der gesamten Palette von Gedanken und Gefühlen zu stellen. Inmitten der Involvierung mit der Materie wird das Lebewesen die Erfahrung machen, nicht in Gottesferne zu sein. Diese Abtrennung war nicht die Materie, sondern die Mentalität in einem selber drin. In der Advaita-Tradition wird die ganze vor uns manifeste Welt als die Maya (Illusion) verstanden. Aus der theistischen Perspektive ist aber nicht die Welt das Problem, sondern die eigene Interpretation, die man auf die Welt richtet und sein eigenes Interesse auf die Schöpfung Gottes überstülpt. Maya ist also der Eigenwille getrennt von der Absicht Gottes.
Mit dem Herausnehmen aus der Materie ist nicht der Rückzug von der Welt gemeint, sondern die Lösung der Identifikation von der Materie. Man verklebt seine Seele nicht mit dem Tätigsein in der Welt ohne äusserlich aus ihr herauszugehen.
Man darf spirituelle Verwirklichung nicht einfach mit der Verlorenheit und Unfähigkeit des Umganges mit der Materie gleichsetzen.
Spiritualität ist nicht der Halt und Anker bei den Geschehnissen auf der materiellen Ebene. Sie ist nicht das Wunderheilmittel, welches nun die Lösungen, denen ich mich nicht stellen möchte, automatisch bewerkstelligen soll.
Krishna ist das letztliche Objekt der Liebe, welche konkreter wird, wenn man in der Versöhnung mit der Welt erkennt, dass eine wir zu einer transzendenten Liebe eingeladen sind, ohne die Liebe in der Welt zu verneinen. Alles in dieser Welt ist Hinweis auf das Vollkommene für das wir bestimmt sind.
Bhakti ist das Erweitern der Liebe über das persönliche Begehren hinaus… auf Krishna hin.
Im Kampf ist Welt und Ich, und nur in Gott ist Frieden,
Weil Welt und Ich in Gott nicht weiter sind geschieden.
Friedrich Rückert