Kommentar von Krishna Chandra
Unser Innerstes ruft nach Selbstverwirklichung. Jede Seele findet sich wieder in einem unglaublichen Kampf zwischen den Verführungen und Verlockungen kurzfristiger Interessen und der grundlegenden Wichtigkeit spiritueller Erfüllung. Aus dem entsteht eine Gespaltenheit, ein tiefer Graben zwischen dem, was uns eigentlich vom Innersten her wesentlich ist, und wie wir meistens unsere Zeit verbringen.
Die Geschichte hat gezeigt, wie diese innerlichen Konflikte sich äusserlich manifestieren können in sozialen Unruhen und sogar Kriegen. Um die versteckte Dynamik aufzuzeigen, beschreibt der Heilige Vyasa im Mahabharata die komplexe Geschichte der psychologischen Archetypen des Menschen.
Die Bhagavad Gita ist ein philosophisches Gespräch zwischen Sri Krishna, dem ursprünglichen Gott und Arjuna, seinem Freund und Schüler.
Die Szenerie, in welcher es stattfindet ist die grosse Schlacht des Mahabharata auf dem Schlachtfest von Kuruksetra.
Da die Bhagavad Gita nicht ein separates Buch ist, sondern nur ein kleiner Teil des Bhishma Parva vom Mahabharata, sind die darin erwähnten Persönlichkeiten und Hintergründe des historischen Geschehens nur im Zusammenhang verstehbar.
Die Gita schildert den auf dem Thron sitzenden blinden König Dhritarashtra, welcher seinen Minister Sanjaya befragt, was sich denn auf dem entfernten Schlachtfeld von Kuruksetra abspiele. Sanjaya hat von seinem Lehrer die Fähigkeit erhalten, Geschehnisse an weit entfernten Orten wahrzunehmen.
Die Kämpfer der Welt haben sich nun versammelt. Die Kauravas werden von Dhritarashtras ältestem Sohn Duryodhana angeführt und die Pandavas von König Yudhistira. Arjuna, der weltbekannteste Bogenkämpfer ist dessen jüngerer Bruder.
Das Mahabharata ist die Geschichte der Pandava-Prinzen, welche das gute Gewissen repräsentieren und das bereitwillige “Sich-Eingeben” in die Führung Gottes, nach Harmonie mit den Kräften des Universums, und der Dynastie der machtorientierten Kauravas, die für unlimitierte materielle Wünsche stehen und dem Wunsch nach Manipulation, weil man in der Besetztheit durch eigene Pläne die vor den eigenen Augen ausgebreitete Ordnung Gottes nicht mehr zu erkennen vermag.
In einem Würfelspiel verlieren die Pandavas all ihren Besitz, ja sogar sich selber (die guten Seelenkräfte existieren nur noch latent, da sie sich verloren, bzw. vergessen haben). Identitätslos wandern sie nun in der Verbannung in den Wäldern – die ewige Seele wandert durch verschiedenste Lebensformen – heimatlos, sich selber vergessend.
In der langen Zeit der Einsamkeit beginnt in den Pandavas das Selbstvertrauen in die innere Führung, in die göttliche Führung wieder zu erwachen. Das ist der Moment, wo die Seele die Treue zu den feinen und anfangs noch sehr zaghaften inneren Bedürfnissen wieder entdeckt.
Mit dem Geist des Vertrauens in die Wahrheit (Yudisthira), göttlichem Mut (Bhima), klare Unterscheidungskraft (Arjuna), hingebungsvoller Loyalität (Nakula), und innerer Stetigkeit (Sahadev), kommen die Pandavas aus der Verbannung zurück und bringen ihr Anrecht auf das verlorene Königreich zum Ausdruck.
Der blinde König Dritarashtra (wörtlich „der am Königreich festhält“) mit seinem Sohn Duryodhana (materielle Wünsche, die Dinge fordern, die einem nicht gehören. Duryodhana bedeutet wörtlich „schwer zu besiegen“. Damit sind die nie versiegenden Wünsche nach falschem Besitz, Dingen, die uns nicht gehören, gemeint), in der Allianz mit einem falsch gerichteten Selbstinteresse (Bhisma) und starken Gewohnheiten (Drona) scheinen fast unbesiegbar. In ihrer Hoffnungslosigkeit bitten die Pandavas um göttliche Führung (Sri Krishna).
Der dramatische Höhepunkt wird erreicht, wenn die gegenüberliegenden Interessengruppen sich konfrontieren auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra, dem Lebensfeld: auf der einen Seite die Blindheit (die Selbstvergessenheit) mit seinen Komplizen und auf der anderen Seite das reine Bewusstsein, das nun keine Kompromisse mit Falschheit mehr eingehen darf – auch nicht aus Mitgefühl zu ihm heraus.
Die Bhagavad Gita beschreibt nicht einen Krieg für eine bessere Welt, sondern eine Initiation ins Gottesbewusstsein.
In dieser Ausgabe der Bhagavad Gita wollen wir uns auf den uns alle ansprechenden ewigen Inhalt der Bhagavad Gita eingehen, und den historischen Hintergrund, in welchen die Bhagavad Gita eingebettet ist, nämlich das Mahabharata, weitgehend auslassen. Erstens weil dadurch für Menschen, welche sich nicht so mit dem Inhalt des Mahabharata vertraut sind, unnötige Konfusionen entsteht. In der Rahmengeschichte des Mahabharata tauchen so viele Namen, Geschichten, und auch Sanskritbegriffe auf, die eigentlich nicht viel mit dem ewigen Inhalt der Gita gemein haben. Es ist eine wesentliche Aufgabe von spirituellen Suchern in unserer Zeit, einen ewigen Inhalt aus dem kulturellen Kontext herauszulösen. Wenn man dies nicht tut, verkommt ein Grossteil der spirituellen Praxis zur Imitation der Folklore eines geographischen Gebietes. Das innerste Gewissen ruft aber auf zur aufrichtigen Suche nach Wahrheit.
Auf dem zutiefst unbequemen Weg, dem Weg, der jegliche Trägheit meidet, gibt es keine Kochrezepte mehr, wie sie dem einfachen Gläubigen einfach ausgehändigt wurden und die man mit nach Hause nehmen konnte, um sie zu befolgen.
Das bedeutet, dass man immer wieder aufgefordert ist, zu prüfen und sich nicht einfach Konzepte aneignet, um der Komplexität und der eigenen Nachforschung auszuweichen.
Aus der Ungewissheit des Lebens heraus beginnt man nach Ersatzsicherheiten zu suchen, die man oft mit Wahrheit verwechselt.
-Die religiöse Version davon nennt man: «Volksreligion» – Glaubensthesen, die selber der Ich-Identifikation entstammen. Da sie über Jahrhunderte vermittelt wurden, haben sie eine starke Wucht und sogar einen scheinbaren Wahrheitsgehalt.
Der innere Weg ist nicht mehr an Strohhalmen interessiert, die vermeintlichen Halt liefern. Er führt in die Bereitschaft, allen Halt loszulassen aus dem tiefen Grundvertrauen heraus, dass darunter tragende Substanz existiert.
Dort erst wohnt der wahre Gott.
Es gilt zu prüfen, ob das Vermittelte einem wirklich nach innen begleitet, oder ob die Praxis aus alt gelernter Tradition aus einem mythischen Welt-und Gottesbild stammt und einem ein Gefühl von Aufgehobenheit und Sicherheit vermittelt, die nicht aus der Wahrheit stammen, sondern aus der Kongruenz mit alter Überlieferung.
Die Bhagavad Gita sollte nicht betrachtet werden als das Gespräch zweier historischer Persönlichkeiten, sondern als ein fortwährendes Fragen und Antworten zwischen unserem tiefsten Inneren und dem ewigen Du, dem Gegenüber Gottes, Sri Krishna. Man darf sich dabei selber an die Stelle Arjunas versetzen und die Worte Krishnas als an uns direkt gerichtet empfinden. Das sind sie wirklich. Sri Krishna will uns durch seinen Gesang (Gita) effektiv ansprechen und uns aus der gewohnheitsmässigen Indifferenz erwecken.
Krishnas Worte sind an alle Menschen gerichtet. Sie richten sich auch nicht einfach nur an die Fakultät des Verstandes, sondern an den ganzen Menschen. Sie sollen unser gesamtes Wesen anrühren, den Verstand, den Willen, aber auch das Herz, die Emotionen und Gefühle, denn zu wahrer spiritueller Entwicklung , die eine Umwandlung unseres gesamten Wesens bedeutet, müssen alle uns gegebenen Kräfte integriert werden.
Die Bhagavad Gita vermittelt das Wesentlichste eines solchen grundlegenden Wandlungspfades. Sie etabliert uns wieder in unserer wirklichen Existenz und weist uns wieder hin auf unser Zuhause, den Ort, wo wir als ewige Seelen hingehören.
Die Bhagavad Gita führt eine Seele von dem Punkt an, an dem sie gerade steht, weiter, bis hin zur Welt Gottes, die keinerlei Berührung mit den Wandelwelten mehr hat. Reife und Geduld sind nötig, diesen Pfad auch vollständig begehen zu können.
Die Bhagavad gita ist ein Buch, welches eigenes Nachdenken anregt. Es ist nicht eine Information, die gelesen und als „interessant“ oder eventuell auch als „langweilig“ abgelegt werden soll. Man ist als Leser eingeladen, diesen Inhalt im eigenen Herzen weiterentwickeln zu lassen. Das ist die Bedeutung von heiligen Offenbarungsschriften, von Resonanzliteratur: sie bringt in einem etwas zum erklingen, sie berührt den innersten Kern. Aber damit ist der Prozess nicht abgeschlossen. Es soll weiterklingen, das heisst, die Gedanken sollen im Leser ihren Fortgang finden. Ohne das eigene ernste Nachdenken kann man sich gar nicht mit Gott befassen oder sich ihm zuwenden.
Auch intellektuelles Verstehen kann Teil der Kommunikation mit Gott sein. Krishna verlangt aber nie den Gehorsam und die absolute Folgsamkeit. Denn das wäre das Auslöschen der Freiheit des Lebewesens, welches Gottes Gegenüber ist und an welchem Gott ja wirkliches Interesse hat.
Offenbarungsschrift ist „zu tief für Worte“, sie ist ein hochkonzentriertes Destillat, welches durch die Reflektion im eigenen Inneren erst zugänglich wird.
Selbstständiges Denken ist von uns gefordert, denn wir sind Teile dessen, der ein unabhängiges denkendes Wesen ist. Wenn man blind folgt, dann ist das nicht ein Zeichen der Ergebung, sondern eher von Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit und Desinteresse.
Auch wäre es falsch zu denken, die Bhagavad gita wäre ein Aufruf zur Abkehr von der Welt. Sie ist vielmehr ein Appell zur Abkehr von den Mentalitäten der Weltlichkeit, die sehr genau analysiert werden. Niemals ist die äussere Welt zu verurteilen, sondern es gilt nur unsere Interpretation dessen zu korrigieren.
Die Welt, wie sie ist, ist sicher nicht Gottes Wille, aber er lässt in ihr auch die Disharmonie mit seiner ursprünglichen Absicht zu und das Resultat ist eine Welt mit tiefen Konflikten, in der wir heute leben.
Ein Kommentar zu Bhagavad Gita soll nicht nur Sachinformationen vermitteln, sondern vor allem in das Mysterium von Gottes Liebe einführen, dem Leser eine Resonanz im Herzen erzeugen und schliesslich eine Ermutigung zu seinem eigenen Aufbruch sein. Das wiederholende und neu komponierte Umkreisen eines Themas gleicht demzufolge eher einer musikalischen Dichtung als einer sachlichen Abhandlung.
Der Text bedarf auch einer Bemühung des Verstandes, denn Krishna sagt, dass das Absorbieren der Intelligenz in das Heilige Thema auch Verehrung sei (18.70) und Verehrung offenbart Inhalte, die menschliches Verstehen überschreiten.
Letztlich aber kommt es darauf an, über den Text zu meditieren, damit er seine ihm eigene verwandelnde Kraft in jedem Leser so entfaltet, damit das spirituelle Wachstum gefördert wird. Jeder einzelne Vers der Gita ist ein Wegweiser zu dem Ziel der immer tieferen Begegnung mit Sri Krishna selber.
Der Text kann anleiten und begleiten, aber den Weg muss jeder selber gehen.
Heiliges Wissen ist der Wegproviant, damit der Wanderer in Momenten der Erschöpfung und Inspirationslosigkeit wieder gestärkt weiter gehen kann. Es ist ein Aufruf zu einer grundlegenden Umkehr, zu einem Exodus aus der Identifikation mit der Wandelwelt.
prati-shloke prati-akshare nana artha kaya
„In jedem einzelnen Vers und in jeder Silbe der Offenbarungsschrift sind unzählige Bedeutungen enthalten.“
(Caitanya Caritamrta 2.24.318)
Die Bhagavad Gita vertritt keinen „Ismus“, obwohl sie von verschiedensten Ismen in Anspruch genommen wurde. Sie lehrt nicht einmal dvaita (Theismus) oder advaita (Monismus), oder irgendeine Doktrin oder Glaubensüberzeugung, sondern will die Seele erheben, begleiten und ermutigen, unabhängig von ihrem Glauben oder Ansichten.
Yoga in der Gita
Jedes Kapitel der Bhagavad Gita behandelt ein Yoga-Pfad, der jeweils als Einführung kurz erläutert wird.
Das Wort „Yoga“ hat vielerlei Bedeutungen.
Krishna definiert Yoga als den Gleichmut inmitten gegensätzlicher Erfahrungen in der Welt (2.48). Dies ist die eigene Positionierung im Ewigen, im Unverrückbaren, aus der man nicht mehr berührt wird vom scheinbar Angenehmen und Unangenehmen innerhalb der materiellen Schöpfung.
Yoga kann auch übersetzt werden als Stabilität des Bewusstseins (6.20), welche erlangt wird, wenn sich der Geist völlig von der Materie zurückgezogen hat.
In den Yoga-Sutras von Patanjali wird Yoga definiert als die Einebnung aller Strömungen des Verstandes, als Still-Legung aller mentalen Tendenzen.
„Dann ruht der Sehende, der Wahrnehmende, die ewige Seele, in ihrer eigenen, wahren Natur. (Yoga Sutra 1.3)
Wenn die Seele diese Verbindung zu Krishna erkennt, und begreift, dass Trennung eigentlich nie bestanden hatte (nitya yoga), der Zustand der Verbundenheit andauernd und nicht unterbrechbar ist (nur unser Erinnern daran kann in Vergessenheit geraten), tritt sie ein in einen wunschlosen transzendentalen Zustand (nirvikalpa avastha). Das ist der Ort, an dem suddha-bhakti, das Abenteuer der ewigen Beziehung mit Gott, erst beginnt.
Die Bhagavad gita ist die Einladung Gottes dahin. Ein Aufruf an uns.
Jedes Kapitel der Bhagavad gita behandelt Yoga
1. Vishada Yoga – Yoga der Verzweiflung
2. Sankhya Yoga – Yoga der Analyse
3. Karma Yoga – Yoga des Handelns
4. Jnana-Karma-Sannyasa Yoga – Yoga der Entsagung und des Handelns in Erkenntnis,
5. Karma-Sannyasa Yoga – Yoga der Entsagung von Handlungen
6. Dhyana Yoga – Yoga der Versenkung
(Atma-samyama Yoga – Yoga der Kontrolle des Verstandes)
7. Jnana-Vijnana Yoga – Yoga der Erkenntnis und der Verwirklichung
8. Taraka-Brahma Yoga – Yoga des Ereichens vom Absoluten
9. Rajaguhya Yoga – Yoga des grossen Mysteriums
10. Vibhuti Yoga – Yoga der Wertschätzung der göttlichen Herrlichkeiten
11. Vishvarupa-Darshana Yoga – Yoga der Schau der kosmischen Gestalt (Yoga der Theophanie)
12. Bhakti-Yoga – Yoga der liebenden Hingabe
13. Kshetra-Kshetrajna-Vibhaga Yoga – Yoga der Unterscheidung von Feld und Feldkenner
14. Guna-Traya-Vibhaga Yoga – Yoga der Unterscheidung der drei Grundeigenschaften
15. Purushottama Yoga – der Yoga der Höchsten Person
16. Daiva-Asura-Sampad-Vibhaga Yoga – Yoga der Unterscheidung zwischen göttlicher und widergöttlicher Existenz
17. Shraddha-Traya-Vibhaga Yoga – Yoga der Unterscheidung von drei Arten des Glaubens
18 Moksha-Sannyasa Yoga – Yoga der Befreiung und der Weltentsagung
Vorbemerkung
In der Übersetzung habe ich all die Namen, mit denen Krishna Arjuna anspricht weggelassen und auch all die Namen, mit der Arjuna Sri Krishna anspricht. Der Grund dafür ist einzig und allein der Fluss der Gedanken, welche ohnehin schon anspruchsvoll sind und wenn nun noch so viele Namen hineinfliessen, dann ist es der Klarheit nicht dienlich.
Arjuna wird mit 23 Namen angesprochen und Sri Krishna mit 46 verschiedenen Namen.
Ich bin mir bewusst, dass jeder einzelne Name im Kontext eine bestimmte Bedeutung hat, doch gibt es schon Bhagavad-gita Ausgaben, welche dies sehr ausführlich erläutern – und somit wäre es nur eine Wiederholung gewesen.
Für Studierende der Gita, die dies genau erfassen möchten, empfehle ich die Bhagavad Gita von Srila Vishvanatha Cakravarti Thakur und die Ausgabe von Bhaktivedanta Narayana Maharaja.
Die Verse der Gita sind möglichst wortgetreu übersetzt und manchmal habe ich, um das Verständnis noch ein wenig zu klären, ein paar Worte in Klammern hinzugefügt. Es gibt manchmal im deutschen nicht ein einzelnes Wort, das die Sanskrit-Bedeutung voll zu umfassen vermag. Deshalb sind manchmal noch klärende Ergänzungen angefügt.
Immer am Ende des Kommentars habe ich in kursiver Schrift die Verbindung zum nächsten Vers angefügt. Auf diese Weise kann man den gedanklichen Fluss der Bhagavad Gita leichter mitverfolgen und man versteht sie nicht einfach als aneinander gereihte Verse.
Natürlich hat Krishna nicht Kapitel gesprochen. Die Bhagavad Gita ist ein Gespräch von Herz zu Herz. Vom Herz Gottes zum Herz einer jeden Seele.
Für das Verständnis der Nachwelt hat Srila Vyasadeva, der dieses Gespräch aufgeschrieben hatte, Vers-Nummern und Kapitel-Unterteilungen gemacht.
Einige Worte werden in ihrer Bedeutung nicht immer wieder erklärt– dafür stehen am Ende die Begriffserklärungen zur Verfügung.
Da der erste Vers des Dreizehnten Kapitels keine Nummer trägt, haben ihn einige Kommentatoren weggelassen. Der Grund hierfür ist wahrscheinlich, dass die Bhagavad Gita auf diese Weise die gerade Nummer von 700 Versen hat. Ich habe ihn aber dennoch als Nummer 1 gegeben, damit man mit anderen Ausgaben leichter vergleichen kann. Deshalb hat diese Ausgabe der Gita nun 701 Verse.
Die Nummern in Klammern (8.16) beziehen sich auf die Kapitel und Vers-Nummer anderer Verse, die das Beschriebene genauer beleuchten und ergänzen.
Um repetitive Aussagen im Kommentar zu vermeiden, verweise ich manchmal auf vorangegangene Kommentare (Z.B. siehe 8.16).
Wenn in einem Vers eine Mehrzahl von Eigenschaften aufgelistet wird, gehe ich manchmal auf die einzelnen ein und damit klar ist, über welche nun gerade geschrieben wird, ist sie in fetter Schrift markiert. (Zum Beispiel 15.5)
Diese Ausgabe der Bhagavad Gita wird aufgrund des sonst überquellenden Umfanges, nicht auf die historischen Hintergründe eingehen, die im Mahabharata beschrieben sind. (Es gibt ja mittlerweile viele deutsche Übersetzungen davon). Die 18 Kapitel der Bhagavad Gita sind ein ganz kleiner Teil des Mahabharata (Bhisma-Parva Kapitel 25-42).
Geschichtlicher Hintergrund
Die Bhagavad Gita ist der Ruf Gottes an die Seele. Die Einsicht in die Konsequenz dieses Rufes, nämlich der endgültige Abschied von all dem, was man in seiner Welt-Identifikation als „ich“ und „mein“ bezeichnete, lässt die Seele erst einmal erstarren.
Krishnas Worte führen die Seele dann aus allen Verwirrungen, die viel tiefer steckten, als man erst angenommen hatte, heraus. Mit Arjuna, dem ursprünglichen Zuhörer der Gita, wird auch der aufmerksame Mitbegeher dieses Weges, der Leser, diese unfassbare Transformation erfahren und hingeführt werden zu einer Klarheit, welche in Selbsterkenntnis gründet.
Das erste Kapitel beginnt damit, dass die Armeen der Pandavas und der Kauravas in zwei Schlachtreihen einander gegenüberstehen. Arjuna sitzt nun in seinem Kampfwagen zwischen den Fronten. Seit jeher ist diese Ausgangslage auch symbolisch interpretiert worden:
Das Schlachtfeld von Kurukshetra, auf dem sich zwei grosse Heere versammelt haben, stellt die Ausgangslage eines jeden Lebewesens dar: Es bezeichnet unsere Welt, in der unaufhörlich zwei entgegengesetzte Kräfte die Klarheit unseres ursprünglichen Bewusstseins verzerren. Das Lebewesen ist von den dualen Kräften des Lebensfeldes umhergezerrt. Wir sind involviert im Kampf mit den Dualitäten. In einem Kampf von Gut und Böse, Angenehmem und Problematischen, Liebe und Hass, Barmherzigkeit und Selbstbehauptung. Wir identifizieren uns mit einem Pol und haben dann ein meist recht schwerliches Verhältnis zum anderen.
Die Pandavas repräsentieren das Wahre, die Kauravas die Verdunkelung davon – die Unwahrheit. Das Schlachtfeld ist das Feld des Lebens und Arjuna ist die Seele, das Selbst, das in dem Wagen des Körpers sitzt.
Die Pandavas, die gesetzmässigen Könige, sind von ihrer Position vertrieben und von Duryodhana ins Exil geschickt worden. Duryodhana repräsentiert das selbstsüchtige Ich mit seinen unzähligen Leidenschaften.
Das heisst, in der Situation, in der wir uns in dieser Welt befinden, verfügt das Selbst nicht mehr über die Kontrolle, ist in einer unnatürlichen Situation, die ihr eigentlich wesensfremd ist, und ein falsches Ich hat die Führung usurpiert. Dhritrarastra, Duryodhanas Vater, ist bezeichnenderweise blind. Diese Besetzungsmacht hat keine Perspektive als das kurzfristige Geniessen-Wollen. Ihr ist jede Eschatolgie, das Sehnen nach Letztendlichem, abhanden gekommen.
Genau in dieser Situation befindet sich Arjuna. Er sieht in den gegenüberliegenden Schlachtreihen Verwandte, Freunde, und selbst seinen Lehrer Drona und er fragt sich: „Wie kann ich gegen sie kämpfen?“ Dies entspricht der gespaltenen menschlichen Natur. Arjuna empfindet, dass er die bevorstehende Schlacht nicht aushalten kann, und in Verzweiflung legt er seine Waffen nieder und sagt: „Ich will nicht kämpfen!“
An diesem Punkt kommt sein Wagenlenker Sri Krishna ins Spiel. Die Bildsprache ist klar: Der Wagen ist der Körper, Arjuna die Seele und der Wagenlenker repräsentiert Gott, der alles, selbst unseren eigenen Körper, lenkt. Der Höchste Gott, der im Moment der echten Verzweiflung auch als innere Führung erscheint und der Seele Mut zuspricht, sich im Kampf mit der falschen Natur zu bewähren.
Der denkende Geist muss einen Vorwand und einen überzeugenden Glauben als Ausflucht finden um in der Situation, in der er nun bereits steht, seine Anhaftungen, zu verteidigen. Daher wendet sich Arjuna an Krishna – im Grunde aber versucht er nur sein Gewissen zu beruhigen – indem er Krishna die „reine“ Motivation seines Tuns darlegen möchte. Das wird aber von der inneren Führung nicht toleriert und so fordert ihn Krishna auf, diese „Schwäche des Herzens“ zu überwinden.
Die Pandavas waren für zwölf Jahre in die Verbannung geschickt worden. Danach war es ihnen bestimmt, ein weiteres Jahr inkognito zu leben, und erst dann könnten sie zurückkehren, um den Thron zu besteigen.
Im Exil im Wald sind die geistigen Sucher aus der Welt fortgetrieben. Gegen Ende der Vertreibung erreicht man den Punkt, wo die Kräfte des Geistes zu schwinden und die Mächte des Dunklen ganz und gar die Kontrolle zu übernehmen scheinen. Das ist in der Tat oft so, dass vor dem Durchbruch zu einer grossen spirituellen Erneuerung die inneren Kräfte zunächst an ihrem schwächsten Punkt angekommen zu sein scheinen. Man erlernt die echte Zuflucht, ein Einsatz, der nicht nur Durchsetzung von Eigeninteressen bedeutet, sondern „Sich-zur-Verfügung-stellen“.Die Pandavas sind durch die dunkle Nacht der Seele gegangen und kommen jetzt zurück, um ihr rechtmässiges Erbe anzutreten. Das ist die Rückkehr zur eigenen Bestimmung.
Sie können nicht einfach durch Verhandlungen mit der Besetzermacht zu einem Kompromiss gelangen (Duryodhana proklamierte, dass sie nicht so viel Land bekämen, wie es braucht, um eine Nadel einzustecken). Das bedeutet, dass ein Ausgleich, auf der Ebene der Bedingtheit nicht gefunden werden kann, weil es nicht darum geht, in Harmonie im Zeitweiligen zu generieren. Die Wahrheit lebt nicht im Konkubinat mit der Illusion. Es benötigt viveka, Unterscheidungskraft: Was ist wirklich und beständig? Was ist zeitweilig und deshalb nicht substanziell? Was bin wirklich ich, was ist meine Identität und was ist nur angenommene Identifizierung? Was ist das, was ich wirklich will und was sind nur übernommene Wünsche, in die ich Hoffnung der inneren Erfüllung anklammere?
So sieht Arjuna auf dem Schlachtfeld unter seinen Feinden Freunde und Verwandte. Mit anderen Worten: das Vertraute. Arjuna erkennt, dass er in sich selbst gespalten ist. Das ist die conditio humana: in der Schlacht des Lebens sind wir gegen uns selbst angetreten, und es gibt in der Tat keine Lösung auf der menschlichen Ebene.
Solange Arjuna in diesem Bereich der Dualität bleibt, gibt es keine Antwort. Da erscheint nun Krishna und erhebt ihn auf eine ganz andere Bühne. Er solle nicht die Wellen glätten.
Krishna erzieht ihn zur Individuation, zur Ganzheit. Das heisst, dass es keine Händel mit der Bedingtheit geben darf. Krishna fordert seine Bereitschaft zur Entfaltung der vollkommenen Sehnsucht – der Bereitschaft, alles andere zurückzuweisen. Das ist die spirituelle Rücksichtslosigkeit. Das ist genau das, was die wenigen unterscheidet von der Masse der Menschen, die Kompromisse eingehen und sich in dieses Gemauschel des Geistes einlassen.
Sie wollen frei sein – aber: “ich habe auch noch andere Dinge zu tun. Wie soll ich denn…? Ich habe Freunde, ich habe einen Mann, ich habe Kinder…”
Die meisten spirituellen Sucher sind immer noch Hobbysucher, Hobbyselbsterforscher, Hobbyphilosophen. Die spirituelle Suche erscheint ihnen immer noch als ein Luxus, der erst dann vollständig gelebt werden kann, wenn die unendliche Kette anderer Bedürftigkeiten gesättigt sind – was natürlich nie eintreten wird.
Aber dieses vollkommene Interesse aufzubringen, diese totale Bereitschaft für alles, koste es, was es wolle, bedeutet: „ich bin bereit, alles dafür zu geben, was auch immer der Preis ist, der verlangt wird. Kein Preis kann dafür zu hoch sein, wenn man erahnt, worum es wirklich geht.
Man weiss, dass man eine angenehmere Zeit im Kino verbringen könnte. Heute ist Sonntag und man könnte picknicken gehen, mit dem Hund spazieren, Freunde besuchen…
Die Begegnung mit der Einladung zur bedingungslosen Hingabe ist nicht grundsätzlich unangenehm, aber für den Geist, der sich im Winterschlaf befindet, ist es manchmal äusserst ungenehm, wachgerüttelt zu werden. Es gibt massive Kräfte in einem, die gar kein Interesse daran haben, aufzuwachen. Sie schlafen lieber, betäuben sich und fühlen sich auch noch wohl darin.
Die Menschheit hat sich eingerichtet in ihrem Leiden, in ihrem inneren Kleingarten. Wer die Unendlichkeit nicht kennt, ist mit dem zufrieden, was er hat, und diese falsche Selbstzufriedenheit darf überwunden werden. Es ist die Selbstgefälligkeit des Leidens, die Ignoranz der Wirklichkeit gegenüber.
Viele verbringen ihre Zeit so, als wäre der Wunsch, frei zu sein, DIE Nebensächlichkeit des Lebens.
Alles muss diesem Wunsch untergeordnet werden, wenn man ihn als wirklichen Wunsch anerkennt. Die meisten Menschen spüren diesen Wunsch gar nicht, und das bedeutet nur, dass sie sich dieses Wunsches nicht gewahr sind, denn in Wirklichkeit ist es der tiefste Wunsch eines jeden Menschen. Die Nichtfühlung damit ermöglicht erst das Leben an der Oberfläche mit seinen kleinen Bedürftigkeiten.
Die Erfüllung dieses Wunsches erfordert jedoch eine vollkommene Bedingungslosigkeit und alles, was man sein Leben nennt, hat sich dem zu fügen.
Der innere Weg verlangt von einem eine Haltung, in der man bereit ist, alles zu geben ohne Reserven zurückzuhalten. Und das hat man völlig verlernt.
Was wir gelernt haben ist, Kompromisse einzugehen – so gehäuft, dass das gesamte Leben zu einem lauen Kompromiss wird.
Diese Kompromisslosigkeit, eben die spirituelle Rücksichtslosigkeit, ist die Kraft, welche die Beziehung – die letztlich nichts anderes ist als meine Beziehung zum Schein, meine Beziehung zu Bildern und Rollen – durchtrennt.
Und dazu gehört auch die Bereitschaft, das Gefallenwollen aufzugeben, die Bereitschaft anzuecken.
Wenn diese Kraft (letztlich eine sakti Lord Shivas) auftritt, kann das Widerstand hervorrufen, Staub aufwirbeln. Es wird ein Schlachtgetümmel. Und in dieser Beziehungslosigkeit fühlt man sich dennoch nicht abgetrennt, denn sein Wagenlenker ist ganz nahe bei einem. Die innere Führung wird konkret.
Der Gotteswiderstand zeigt sich erstmal als natürliche Tendenz, jede Nichtigkeit als Ablenkung willkommen zu heissen. Das Einhängen in die Ablenkungen, die uns ja ständig umgeben, ist ein Zeichen, dass man nicht wirklich will.
Der eigene Widerstand zu Gott darf nun in aller Heftigkeit erfahren werden.
In der stillen Annahme von ihm wird ein Umkehrungsimpuls geboren.
Was von Arjuna gefordert wird, ist genau das, was den Kampf so schwierig macht. „Ich muss all meine Verwandten und Freunde töten!“ Arjuna, die Seele in dieser Welt, in einem menschlichen Körper inkarniert, ist in seinem Dasein von einem Heer von Täuschungen umgeben, welche er zu überwinden nun aufgefordert ist, um zur Erkenntnis seiner göttlichen Natur zu gelangen. Da ihm aber viele dieser Täuschungen lieb geworden sind, und er mit ihnen eng vertraut geworden ist, aus Gewohnheit und Bequemlichkeit, fällt es ihm schwer, gegen dieselben anzukämpfen, ja sie sogar zu zerstören.
Das ist das Problem, wenn wir aufgefordert sind, effektiv aufzubrechen, und alles uns liebbgewordene abzulegen. Es scheint, dass nichts von uns übrig bleibe. Wir haben die Welt verloren und es scheint zuerst, dass man dabei nichts gewonnen hätte. Das ist der in aller Spiritualität notwendige Glaubenssprung.
Das ist der tiefe Grund für Arjunas Verzweiflung. Er lässt die Arme sinken und weigert sich, den Kampf auzunehmen, weil es nichts mehr zu geben scheint, wofür er kämpfen könnte, denn selbst wenn er den Sieg erringen sollte, würde er doch dabei alle seine Geliebten, die ihm nun als Feinde gegenüberstehen, getötet haben. Diese Enthebung materieller Motivationen ist der Beginn von unverzweckter Spiritualität.
Anyabhilasita sunyam jnana karmady-anavrtam
Anukulyena krishnanu-silanam bhaktir uttama
“Der kontinuierliche, natürlich spontane, ununterbrochene Fluss (so wie Honig aus dem Honigglas herausfliesst) des Bewusstseins und aller Bemühungen des Körpers, des Geistes (der inneren Gemütsstimmungen) und aller Worte ganz allein zur Freude von Sri Krishna, wird reine Bhakti genannt.
Diese Hingabe ist frei von irgendwelchen materiellen Motivationen, die einem von seiner Wesensnatur entfremden – nämlich der Ambition, irgendetwas von Gott zu bekommen und dem Flehen, vor etwas bewahrt zu werden.“
Die Fragestellung der Bhagavad gita ist: warum entsteht die Welt? Was ist die natürliche Funktionsweise des Individuums? Was ist die Absicht, welche Gott in seine Schöpfung hineingelegt hat? (Teleologie) In welcher Beziehung steht das Individuum mit der göttlichen Instanz?
Krishna hat eine ewige, unveränderliche unbegrenzte Form mit transzendentalen Eigenschaften.
Die Seele ist niemals das Unbegrenzte, auch nicht im befreiten Zustand. Auch nach der Befreiung vom Kreislauf von Geburten und Toden bleibt die Seele ein reines spirituelles Teil, lebt dann aber wieder sein volles Potential als bhagavat-parikara, ein ewig Beigesellter Gottes.
Wer ist Arjuna?
Er ist ein ewig Beigesellter von Krishna. Eine befreite Seele, welche Krishna in Sakya-rasa (als Freund) dient und niemals unter den Einfluss des Vergessens, der Illusion und der Gleichgültigkeit gelangen kann. Krishna hat die „Lamentation“ und „Täuschung“ Arjunas arrangiert, damit er durch die Unterweisung an ihn alle Lebewesen dieser Welt mit der ewigen Weisheit der Bhagavad gita segnen kann. Durch das Medium dieses Gespräches definiert Krishna die svarupa (die wahre Natur) seiner Selbst, sowie des derjenige des Lebewesens. Er erklärt reine Gottesliebe, Seine ewige Welt, die materielle Natur (sambandha) und die Beziehung zwischen allem (abhideya). Sowie auch das Höchste letztliche Ziel (prayojana).
Die Botschaft der Bhagavad gita
(zusammengestellt von einer Inspiration von Baladevas „Prameya Ratnavali“ und Bhaktivinods „Dasa Mula tattva“)
1. Es gibt nur einen einzigen Gott für alle Religionen und alle Menschen. (sanatan dharma)
2. Dieser eine Gott ist allmächtig, allgut und allgegenwärtig und umfasst alles Geschaffene. Er selber ist die Ursache aller Ursache, die dann selber keine Ursache mehr hat, das heisst ewig besteht. (bhagavan)
3. Die materielle Natur (prakrti), in der wir gegenwärtig leben, ist real und ewig, da sie eine Spiegelung der ewigen spirituellen Wirklichkeit darstellt. Die Dinge (Erscheinungsformen) und unsere Handlungen innerhalb dieser Welt jedoch sind vergänglich und wandelbar. Das ewig Seiende des Ursprunges dieser Welt reflektiert sich aber im Vergänglichen ewiglich als zyklisches Entstehen und Vergehen.
4. Gott ist aber nicht nur immanent in Seiner materiellen Schöpfung gegenwärtig, sondern gleichzeitig auch transzendent dazu, d.h., Er befindet sich weit jenseits dieser Schöpfung ewig in Seinem eigenen Reich (Vrindavana).
Dies bedeutet, dass Er in Seiner Allumfassenheit parallel existiert als allgegenwärtige Energie (brahman) und in einer individualen ewigen Form mit unzähligen anziehenden Eigenschaften in einer unzerstörbaren und unwandelbaren Sphäre weilt.
Würde ihm einer dieser beiden Aspekte fehlen, wäre er nicht vollkommen.
5. Alle Lebewesen (jivas) sind winzig kleine, bewusste und ewige Teile Gottes. In dieser Welt beseelen sie alle Körperformen, also auch Tiere, Pflanzen. Sie behalten ihre Identität bei, auch nach der Befreiung des Kreislaufes der Wiedergeburten. Wenn ihre aufgesetzte materielle Identifikation mit dieser Welt, die nur eine Bedeckung des jiva darstellt, vollkommen abgelegt ist, manifestiert sich erst dessen wahre Individualität (svarupa).
Die Anzahl der jivas ist unbegrenzt, und sie weisen die gleichen spirituellen Eigenschaften wie Gott selber auf (sat, cit, ananda), im Gegensatz zu Gott jedoch nur in begrenztem Ausmass.
6. Der Grossteil der jivas jedoch sind ewig befreit, und verehren Krishna mit Liebe und Hingabe (bhakti) und leben mit Ihm in der spirituellen Welt, wobei sie reine Liebe zu Gott (prema) erfahren.
7. Das Liebesangebot Gottes ist freiwillig, denn Liebe impliziert die Freiwilligkeit. Die Seelen, die nicht nur noch für Gott leben wollen und ihre Prioritäten noch im Zeitweiligen sehen, werden, da sie unzerstörbar sind, an dem Ort ihrer Bewusstseinsausrichtung wiedergeboren, das bedeutet, im Zeitweiligen, in dieser Welt.
Die Seelen nehmen gemäss ihren individuellen Wünschen, Gedanken und den daraus entstehenden Handlungen (karma) innerhalb der materiellen Welt in einer spezifischen Lebensform Geburt (als Pflanze, Tier, Mensch, Deva…) und wandern so fortwährend von einem Körper zum andern (samsara). Es entspricht alles dem Gesetz Gottes, aber nicht Seinem Willen.
8. Das Ziel dieser Seelenwanderung durch die verschiedenen Lebensformen ist es, dass die Seele sich selbst nicht mehr als Teil einer toten Welt erkennt. Das, was sie hindert, ist ihr eigenes Sehnen nach illusionären Freuden (maya), die eigentlich nichts anderes darstellen als ihr verdecktes Suchen nach Gott. Dies erkennend, wendet sie sich wieder Ewigkeit zu, die ihrer Natur entspricht.
9. Durch Seine unbegrenzte Kraft (acintya sakti) ist Krishna jedoch auch in der materiellen Welt erfahrbar, und zwar durch yoga, dem Pfad der Wiederaufnahme der Beziehung mit Ihm.
10. Die Pfade, die Krishna in diese Welt hineinlegt als Möglichkeit der Rückkehr sind unbegrenzt. Sie sind so konzipiert, dass, unabhängig der Verhaftung und des Hineinprojezierens des jiva in die Materie, jede Seele ein Interesse finden kann und angesprochen wird.
Alle Yogapfade sind angelegt wie eine Leiter mit verschiedenen Sprossen, die die Seele durch verschiedene Verwirklichungen hindurchführt.
11. Das letzliche Ziel und die ursprüngliche Stellung des jiva (svarupa) ist es, reine Liebe zu Krishna zu erfahren und mit Ihm in einer ewigen Sphäre einen liebevollen Austausch zu pflegen.
Bhagavad Gita
Was ist bedeutet der Name? Generell wird es übersetzt als der „Gesang Gottes“
„bhaga“ heisst Opulenz oder auch grosses Glück. Vad bedeutet, „jemand, der besitzt“. Er ist dieses Wesen, der alle Füllen in vollkommen innehat (und die Vrindavan-Übersetzung: Derjenige, der das Glück hat, von Radhika geliebt zu werden). Er hat Acintya Sakti. In dieser Welt lösen sich die Gegensätzlichkeiten auf. Aber aufgrund seiner unbegreiflichen Kraft vereinigt er in sich alle Gegensätze und vermeintliche Widersprüche. Er ist gross und klein zugleich. In seiner Form als Mahavishnu haben alle Universen in einer Pore seines ewigen Körpers Platz. Und in allen Atomen ist er als Kleinstes Teil als Überseele enthalten.
Die bedeutendste aller Füllen ist Schönheit. Alle Schönheit hat seinen Ursprung in Sri Krishna und er übertrifft alles an Schönheit. Ein Wesen, der diese Eigenschaften in sich vereinigt, heisst in der Sanskritsprache „Bhagavan“ (Gott). Der Gesang aus dem Herzen dieses Wesens heisst Bhagavad Gita.
Die Bhagavad Gita wurde von Krishna zu Arjuna übermittelt. Aber keiner der Beiwohnenden konnte das mithören. Nur Sanjaya, ein direkter Schüler Vyasadevas, hat durch die Gnade seines Guru all das mithören können, obwohl er sich geographisch weit weg von Kurukshetra befand. Er vermittelte das Vernommene dem blinden König Dritarashtra.
Es gibt Menschen, die denken, man könne die Bhagavad gita im Eigenstudium lesen und dass das Thema des spirituellen Lehrers nicht wirklich Bedeutung habe. Aber die gesamte Bhagavad gita, jede Silbe davon, spricht von der Dringlichkeit, einen Guru anzunehmen – da Sanyaja dieses heilige Gespräch nur hören und sehen konnte durch den Segen seines Guru.
Ganz am Anfang der Gita existiert ein dramatischer Kontrast: auf der einen Seite ist Dhritarastra, der körperlich und auch geistig blind ist, da er Position und Ansehen in dieser Welt erstrebt, seine Ursehnsucht missplaziert, was in Anhaftung an Vergänglichem resultiert – und auf der anderen Seite ist Sanjaya, der nicht nur physisch sieht, sondern durch die Gnade seines Lehrers Einsicht in die Wirklichkeit bekommen hatte.