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5.9.2010 : 19:01 : +0200

Sind Tierversuche ethisch zu rechtfertigen?

Sind Tierversuche ethisch zu rechtfertigen? Diese Frage ist, so
allgemein formuliert, kaum zu beantworten. Die sinnvolle, weil
konkrete Frage lautet vielmehr: Wären diese Versuche auch
DANN zu rechtfertigen, wenn sie nicht an Tieren, sondern an
MENSCHEN durchgeführt würden? Wer nämlich behauptet, daß
diese Versuche bei Tieren zulässig, bei Menschen aber
unzulässig sind, der muß eine ganz konkrete Frage ganz konkret
beantworten: Was ist der entscheidende, MORALISCH relevante
Unterschied zwischen Menschen und Tieren, der diese höchst
unterschiedliche Bewertung und Behandlung von Menschen und
Tieren rechtfertigen soll?

Ist es die unterschiedliche Behaarung oder Zahl der Beine?
Wohl keine besonders überzeugende Begründung dafür,
unschuldige Lebewesen zu quälen und umzubringen. Und wie
steht es mit anderen Merkmalen?

Ist es die höhere Intelligenz des Menschen, die Tierversuche
rechtfertigen soll? Aber warum soll man jemanden quälen
dürfen, weil er weniger intelligent ist? Man stelle sich einen
Mörder vor, der sich bei Gericht damit verteidigt, daß er bei der
Auswahl seiner Opfer stets darauf geachtet habe, daß sie
weniger intelligent sind als er!

Ist es die unsterbliche Seele des Menschen, die den Ausschlag
geben soll? Aber, wie Tom Regan richtig bemerkt: WIELANGE
ein Wesen lebt, ist doch für die Frage, wie wir es behandeln,
WÄHREND es lebt, völlig bedeutungslos! So wäre es doch wohl
zum Beispiel unsinnig, anläßlich eines Autounfalls, bei dem ein
Hund verletzt wurde, zu sagen: "Dem Hund brauchen wir nicht zu
helfen, denn der wird ohnehin nicht ewig leben." Und WENN wir
Menschen im Gegensatz zu Tieren tatsächlich eine unsterbliche
Seele haben, dann haben wir auch Aussicht auf eine
ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits, die Tiere nicht haben.
Wenn daher aus unserer angeblichen Unsterblichkeit
irgendetwas folgt, dann ist es eher dies: Wir sollten Tiere
BESSER behandeln, weil sie nur dieses eine Leben haben,
während wir uns Hoffnung auf ein weiteres, ewiges Leben
machen können, in dem wir für hier erlittenes Unrecht
entschädigt werden.

Es gibt in Wirklichkeit keinen Unterschied zwischen Menschen
und Tieren, der Tierversuche rechtfertigen könnte. Denn, wie der
englische Philosoph Jeremy Bentham bereits vor über 200
Jahren in bezug auf fühlende Lebewesen erkannte: "Die Frage
ist nicht: können sie DENKEN? oder: können sie SPRECHEN?,
sondern: können sie LEIDEN?"

Die Leidensfähigkeit der Tiere ist der entscheidende Grund,
warum Tierversuche falsch sind!

Deshalb ist auch die faktische Frage, ob Tierversuche für den
Menschen nützlich sind, moralisch irrelevant: Tierversuche sind
falsch, UNABHÄNGIG davon, ob sie für den Menschen nützlich
sind. Die legitime Frage ist nicht: "Wieviel Gesundheit können
wir MAXIMAL erzeugen?", sondern: "Wieviel Gesundheit können
wir AUF ETHISCH ZULÄSSIGE WEISE erzeugen?" Die - echte
oder vermeintliche - Nützlichkeit von Tierversuchen ist überhaupt
kein ethisches Argument: Es gibt viele Dinge, die nützlich wären,
aber dennoch unmoralisch und verboten sind, zum Beispiel
Menschenversuche.

Der einzige Grund, warum nicht auch Tierversuche schon längst
verpönt und verboten sind, ist denn auch schlicht dieser: Tiere
können sich nicht wehren. Sie sind uns hilflos ausgeliefert. Aber
das ist natürlich keine moralische Rechtfertigung, sondern
lediglich eine zynische Machtausübung. Tierversuche sind und
bleiben Verbrechen an Wehrlosen. Tierversuchslabors sind
moderne KZs. Wer Berichte über ehemalige Nazi-KZs und über
heutige Tier-KZs liest, dem fällt es wie Schuppen von den
Augen: Die Parallelen sind lückenlos, die Protokolle sind
austauschbar. Alles, was die Nazis den Juden angetan haben,
praktizieren wir heute mit Tieren.

Der Vergleich zwischen Tier-KZs und Menschen-KZs stammt im
übrigen nicht von rabiaten Tierrechtlern, sondern von jenen, die
in und unter den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten
am meisten gelitten haben: von Juden. So schrieb der
Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer: "Wo es um Tiere geht,
wird jeder zum Nazi ... Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka."